09 Feb
09Feb

Die nördlichste Stadt Hessens ist Karlshafen, seit einigen Jahrzehnten „Bad“ Karlshafen. Der Titel „Bad“, der in Deutschland bisweilen inflationär vergeben worden ist, erscheint für Karlshafen gerechtfertigt, denn vor Ort gibt es eine Sole, mit der ein Thermalbad und eine Saline betrieben werden. Zudem finden wir dort eine orthopädische Spezialklinik vor.

Die große Zeit von Bad Karlshafen war das 18. Jahrhundert, als Landgraf Carl von Hessen (1654-1730) hier etwas ganz Großes plante und auch in einer rasanten Geschwindigkeit umzusetzen begann. Er ließ ab 1699 die Barockstadt Sieburg bauen, die 1717 in Carlshafen umbenannt wurde. Sie liegt am vormals sumpfigen westlichen Weserufer, dort wo die Diemel in die Weser mündet.

Es entstand ein planmäßiges städtisches Barock-Ensemble, das aber in seiner realen Ausführung hinter dem Modell, das heute noch im Foyer des Rathauses besichtigt werden kann, zurückgeblieben ist. Der Landgraf konnte dieses Mega-Projekt umsetzen, weil er dafür die richtigen Leute zur Verfügung hatte, nämlich Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten. Sie konnten sich in Sieburg zu günstigen Konditionen ansiedeln und dort ihre Arbeitskraft und ihren Genius im Sinne einer calvinistischen Leistungsethik (vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Vollständige Ausgabe. Herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler, 4. Auflage. Beck, München 2013) investieren.

Hier also sollte ein Handelsplatz entstehen, der buchstäblich der Stadt Hannoversch Münden, die zum Fürstentum Calenberg - einem Teil des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, später Königreich Hannover - gehörte, das Wasser abgraben sollte, denn dem Landgrafen war es ein Dorn im Auge, dass der Weserhandel von Hannoversch Münden aus dominiert und kontrolliert wurde. 

Um dies zu bewerkstelligen, sollte ein Kanal entstehen, der zunächst Hannoversch Münden umschiffen und nach Kassel führen sollte. Von dort war eine Fortsetzung des Kanals über die verschiedenen Flüsse seiner Landgrafschaft bis zur Lahn geplant. Jener Landgraf-Carl-Kanal endete jedoch mehr oder weniger mit dem Tod desselben Landgrafen bei Kilometer 19,6 in Schöneberg vor Hofgeismar, wahrscheinlich, weil die Kosten ausuferten und nicht mehr im Verhältnis zu den gedachten wirtschaftlichen Vorteilen standen.

Der Landgraf plante also an der nördlichsten Peripherie seines Herrschaftsgebietes eine Handelsmetropole. Geblieben ist eine pittoresk anmutende Barockstadt, heute nicht mehr an der Peripherie der Landgrafschaft, sondern an der Peripherie des Bundeslandes Hessen. Auch die Aufwertung Karlshafens zu einem hessischen Staatsbad im Jahr 1977 konnte daran nichts ändern. Wer heute nach Karlshafen kommt, erlebt im Winter ein verschlafenes kleinstädtisches und im Sommer etwas touristisches Treiben von Fahrradfahrenden und Tagesausflugsreisenden. 

Immerhin ist Karlshafen mit Bussen und der Regionalbahn (am rechten Weserufer) gut zu erreichen. Bis 1986 gab es sogar einen zweiten Kopfbahnhof (am linken Weserufer), von dem aus die sogenannte knapp 17 Kilometer lange Carlsbahn Richtung nach Hofgeismar-Hümme fuhr.

In den letzten Jahren konnte noch einmal tüchtig investiert werden. Der verlandete Hafen wurde samt aufwendiger Schleusenanlage für die Sport- und Freizeitschifffahrt wiederhergestellt. Die gesamte Anlage des Hafens und der Gebäude darum herum machen einen hervorragenden Eindruck. Trotzdem ist Bad Karlshafen ein gewisser Verfall anzumerken und es gibt einen großen Leerstand von Geschäften, aber dieses Phänomen erleben wir nicht nur in peripheren Randlagen, sondern mittlerweile auch in Mittel- und Oberzentren.

Interessant ist, dass es in dieser Stadt ursprünglich keine Kirche mit einem Turm gegeben hat. Die französisch-reformierten Gottesdienste fanden in Privathäusern oder anderen provisorisch hergerichteten Räumen statt. Die ursprünglich geplanten Kirchen, die auch im Modell im Rathaus-Foyer zu sehen sind, kamen so nicht zur Ausführung. Wie kam es, dass nicht von Anfang an die Kirche im Mittelpunkt dieser Stadt stand? Vielleicht weil die Arbeit im Sinne eines calvinistischen Weltbildes der eigentliche Gottesdienst war? Die heutige evangelische Kirche mit ihrem hohen schlanken Turm erscheint jedenfalls erst ab 1962 im Stadtbild und wirkt aus unserer Sicht im barocken Ensemble dieser Stadt nach wie vor wie ein Fremdkörper. Die katholische Kirche befindet sich kaum sichtbar etwas abseits der ursprünglichen Stadt; sie verdankt ihr Entstehen den Geflüchteten und Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Idee, durch den planmäßigen Bau einer Stadt eine neue Infrastruktur zu schaffen, ist nicht neu und dazu gibt es in der Geschichte verschiedene Parallelen. Eine gewisse Analogie hat Karlshafen zu Städten wie Glückstadt an der Unterelbe oder Friedrichstadt zwischen Eider und Treene, beide in Schleswig-Holstein gelegen. Bei beiden Städten ging es dem Dänenkönig bzw. dem Herzog von Schleswig-Gottdorf darum, der Stadt Hamburg das Wasser abzugraben und neue wirtschaftliche Zentren zu schaffen. Auch dazu wurden Glaubensflüchtlinge angeworben und Religionsfreiheit gewährt. (Deshalb gibt es zum Beispiel in Friedrichstadt erstaunlich viele Kirchen.) Diese Projekte sind letztlich und endlich genauso gescheitert wie das Hafen- und Kanalprojekt von Karlshafen. Wer Glückstadt oder Friedrichstadt besucht, der wird ähnliche Gefühle erleben und Erfahrungen machen wie in Karlshafen. 

Es scheint so zu sein, dass es bestimmte natürliche landschaftliche Gegebenheiten gibt, die so sind, wie sie sind und letztlich und endlich darüber entscheiden, was Zentrum und was Peripherie ist und bleibt. Die Wirklichkeit mit ihrer Macht der Geographie scheint immer stärker zu sein als die Idee. 

(Daran vermochten auch noch so ehrgeizige Pläne absolutistischer Fürsten nichts zu ändern, auch wenn es an der ganzen Weser kurze Zeiträume der wirtschaftlichen Blüte gegeben hat, zum Beispiel die Phase der „Weser-Renaissance“ zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg. Sie kann als eine besondere Spielform der nordischen Renaissance, die mit einem bis dato nicht gekannten Bauboom verbunden war, beschrieben werden und fand mit den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ihr jähes Ende. Wir werden bei anderer Gelegenheit darauf zurückkommen.)

Nichtsdestotrotz: Wir empfehlen nachdrücklich und zu jeder Jahreszeit einen Besuch in Bad Karlshafen, der Barockstadt. Es handelt sich hier nicht um einen verspielten katholischen Barock, der vielleicht sogar schon in das Rokoko abglitte, sondern einen ganz und gar streng-verhaltenen calvinistisch anmutenden Barock. Er wird dem Lebens- und Glaubensgefühl der französischen Glaubensflüchtlinge entsprochen haben. 

Der Weserberglander kommt immer wieder gerne nach Karlshafen, weil hier ein bestimmtes barockes und mehr noch ein calvinistisches Lebensgefühl mit der ihm innewohnenden protestantischen Leistungsethik (vgl. Max Weber, a.a.O.), die unsere politisch-ökonomische Ordnung nachhaltig geprägt hat, auf exzellente Weise sichtbar wird.

Inwiefern prägt noch heute diese Ethik unser ökonomisches Denken und Handeln? Die anhaltenden Forderungen nach größerer Leistungsbereitschaft und der Verlängerung von Wochen- und Lebensarbeitszeit müssten auch in diesem Kontext einer protestantischen Leistungs-Ethik  betrachtet und erörtert werden.

UTGH

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