12 Dec
12Dec

„Obiit autem II Idus Decembris, anno videlicet incarnati verbi verbi MCLIIII.“ - „Er starb am 12. Dezember im Jahre 1154 des fleischgewordenen Wortes.“ (Helmold von Bosau, Slawenchronik [Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters XIX] Darmstadt 41983, 266 f.) Mit diesen Worten berichtet der Priester und Verfasser der Slawenchronik, Helmold von Bosau, über den Tod des Bischofs Vicelin, der von evangelischen und katholischen Christinnen und Christen als „Apostel der Holsten und Wagrier“ verehrt wird.

Derselbe Chronist berichtet: „Vicelin stammte von einem Königshofe im Mindener Sprengel namens Hameln, am Ufer der Weser gelegen, und war von Eltern gezeugt, die sich mehr durch Zucht und Sitte als durch adeliges Geblüt auszeichneten.“ (Ebd. 171)

Vicelin ist also ein Mensch aus unserem Weserbergland. So einmalig wie unsere wunderbare Landschaft ist auch sein Name. Uns ist niemand bekannt, der außer ihm so hieß oder so heißt. 

In Hameln ist die katholische Kirche im ökumenischen Zentrum in Klein Berkel und die Straße, an der die dortige katholische Mutterpfarrei St. Augustinus liegt, nach ihm benannt.

Um 1090 in Hameln geboren und in der Stiftsschule zu Hameln basal ausgebildet, kommt Vicelin nach einem kurzen Zwischenspiel auf der Burg Everstein am Solling bei Holzminden auf die Domschule von Paderborn. 

Er muss ein sehr guter Schüler gewesen sein, denn um 1118 wird er Leiter der Domschule des Erzstiftes zu Bremen. 1122/23 erfolgt ein Studienaufenthalt in Laon in Frankreich, um die neue scholastische Theologie kennenzulernen, die das gesamte hohe Mittelalter bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein beherrschen wird. Mit dieser Methode freundet Vicelin sich aber nicht an, wie sein Chronist schreibt. Seine Theologie bleibt biblisch, praktisch und bodenständig.

Nach 1126 wird er in Magdeburg vom Heiligen Norbert zum Priester geweiht, tritt aber nicht in den Orden des Heiligen Norbert (Prämonstratenser) ein, sondern begibt sich in das Gebiet nördlich der Elbe. Dort gründet und leitet er eine Gemeinschaft, die sich der Augustinusregel unterstellt (Augstiner-Chorherren). 

Diese Gemeinschaft kümmert sich zunächst in Dithmarschen um die dort ansässige christliche Bevölkerung. Kurz darauf verlagert sich der Schwerpunkt nach Holstein. Dort versuchen Vicelin und seine Ordensbrüder auch missionarisch unter der slawischen Bevölkerung zu wirken. Nach einer kurzen Station in der noch jungen Stadt Lübeck gründen Vicelin und seine Gefährten schließlich das Stift in Neumünster. Es folgen weitere Kloster- und Kirchengründungen in Holstein, zum Beispiel in Segeberg, in Bosau am Plöner See und in Högersdorf. 

1138 gibt es einen slawischen Überfall auf Segeberg, bei dem Vicelins Ordensbruder Volker zum Märtyrer wird. Trotzdem ist und bleibt es der eigentliche Wunsch Vicelins, den westslawischen Volksgruppen in Ostholstein das Evangelium zu verkünden. Doch seine missionarischen Bemühungen bei den Slawen bleiben mehr oder weniger erfolglos. Dies verdankt sich vor allem dem wahnwitzigen Kreuzzug, der 1147 gegen die Slawen angezettelt wird und das Vertrauen der Slawen in die christlichen Missionare gänzlich zerstört.

1149 wird Vicelin in Harsefeld bei Stade durch den Erzbischof von Bremen-Hamburg zum Bischof des verwaisten Bistums Oldenburg in Holstein geweiht. Seine Erhebung zum Bischof ist folgerichtig und verdient. Weil dies aber ohne die Einwilligung Herzogs Heinrichs des Löwen geschieht, gerät Vicelin in den Nordelbischen Investiturstreit. Der Herzog verweigert Vicelin den Kirchenzehnten. Auch der Erzbischof von Bremen-Hamburg hat außer seinem Segen keinen Groschen für ihn übrig.

So bleibt Vicelin nichts anderes übrig, als sich gegen den Willen des Erzbischofs von Hamburg-Bremen nochmals durch Heinrich den Löwen mit dem Bistum Oldenburg belehnen zu lassen, womit er die weltliche Oberhoheit des machtbesessenen Herzogs von Sachsen über sein Bistum faktisch anerkennt. 

Der Chronist Helmold vermag es mit psychologischem Feingefühl zu beschreiben, dass Vicelin diese innere Zerrissenheit zwischen kirchlicher und weltlicher Macht psychisch enorm belastet haben muss und stellt so einen Zusammenhang mit dessen zwei Schlaganfällen her, an deren Folgen Vicelin letztlich am 12.12.1154 in Neumünster verstirbt.

Kirchenpolitisch betrachtet ist das Wirken Vicelins wenig erfolgreich. Trotzdem, und das ist das Interessante und Bezeichnende, verbreitet sich schon im Sterben Vicelins der Ruf seiner Heiligkeit. 

Helmold berichtet von Wundern, die Vicelin als Lebender, aber auch als Toter gewirkt hat. In diesen Passagen der Slawen-Chronik, die von der Kritik als nicht historisch disqualifiziert worden sind, begegnet uns allerdings in Form der Typologie des Mittelalters der Mensch, Seelsorger und Gottesmann Vicelin, der ganz im Sinne seines Herrn unterwegs ist, um demütig das Wort Gottes zu verkünden, den Hungernden Brot zu geben, böse Geister auszutreiben und Kranke zu heilen.

Nicht durch einen Päpstlichen Heiligsprechungsprozess, sondern durch die Verehrung der Gläubigen, die bereits vor seinem Tod begonnen hat, ist Vicelin zur Ehre der Altäre gelangt und wird als Heiliger verehrt. 

Zunächst wurde er im Stift Neumünster bestattet. Als die Chorbrüder schließlich nach Bordesholm umzogen, nahmen sie natürlich die Gebeine ihres Gründervaters mit. Diese wurden dort im Zuge der Reformation allerdings umgebettet und sind seitdem verschollen.

Ob Vicelin, der ein Zeitgenosse des berühmten Zisterziensermönches und Kreuzzugpredigers Bernhard von Clairvaux war, nach seinem Weggang von Paderborn Richtung Norden jemals wieder in seiner „weserberglandischen“ Heimat weilte, das wissen wir nicht. Wir aber freuen uns, dass im einzigartigen Weserbergland ein Heiliger mit einem einzigartigen Namen das Licht der Welt erblickt hat und uns einlädt, mit ihm in jedem Advent, nämlich am 12.12., seinen himmlischen Geburtstag zu feiern. Eigentlich ist heute im ganzen Weserbergland ein Feiertag, dem Nikolaustag ebenbürtig!

Sicherlich haben zahlreiche heilige Frauen und Männer – erkannte und unerkannte – unser Weserbergland durchschritten, hier auch zeitweise gelebt und ihren Segen hinterlassen; uns ist bisher aber nur einer bekannt, der „von hier“ ist: Vicelin.

UTGH

Wer sich weiter informieren will, sei auf den Beitrag von U. Hoppe, Vicelin. Gottesmann jenseits von Ruhm und Macht (Verein für Katholische Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein 66) Neumünster 1999, 8-126, verwiesen. Das obere Bild zeigt den Hl. Vicelin als Glasfenster. Es stammt aus der abgerissenen kath. Kirche am Ostertorwall in Hameln, das sich inzwischen in der in den 1950er Jahren erbauten Augustinuskirche in der Lohstraße/ Ecke Vicelinstraße befindet. Das untere Bild ist ein spätgotisches teilrestauriertes Relief in der Hamelner Münsterkirche, dem alten Stift, dessen Schule Vicelin besuchte.