In Herstelle an der Weser befindet sich die Abtei der Benediktinerinnen vom Heiligen Kreuz. Diese Abtei gehört nicht zu den „weserberglandischen Urklöstern“ aus der karolingischen Zeit. Die ersten Benediktinerinnen trafen hier im April 1899 ein. Sie kamen aus Luxemburg und besiedelten das in Folge der Säkularisation verfallene Kloster der Franziskaner-Minoriten (1657-1824).

Das Kloster erlebte im 20. Jahrhundert eine große Blüte. Anfang der 1960er Jahre lebten hier 140 Nonnen, so dass von Herstelle aus 1962 das seit 1803 aufgelöste Zisterzienserinnenkloster Engelthal in der Wetterau wieder begründet werden konnte. (Das Kloster Engelthal steht mittlerweile kurz vor seiner Schließung.)
In seiner Blütezeit im 20. Jahrhundert war Herstelle im besten Sinne des Wortes ein vielseitiger Subsistenzbetrieb mit eigener Landwirtschaft, Gärtnerei, einer Werkstatt für Messgewänder und vielen anderen Gewerken. Derzeit leben im Kloster Herstelle noch 21 Schwestern; dementsprechend mussten manche der klösterlichen Betriebe stillgelegt werden. Heute existieren noch ein Gästehaus, ein Klosterladen, eine Keramikwerkstatt, ein Kerzenatelier und eine Seifenmanufaktur.
In der Klosterkirche befinden sich zwei Gräber. Das eine ist das der Gründerin, Mutter Margarita Blanché; das andere das des Benediktiners Odo Casel, der dort von 1922 bis zu seinem Tod 1948 lebte und wirkte.
Johannes Casel wurde am 27. September 1886 in Koblenz geboren. Er studierte an der Universität Bonn Altphilologie, trat aber 1905 in die Benediktinerabtei Maria Laach ein. Dort erhielt er als Novize seinen Ordensnamen Odo. Es folgte ein Theologiestudium am Benediktinerkolleg San Anselmo in Rom, wo er 1912 mit einer Dissertation über die Eucharistielehre Justin des Märtyrers († 165) promovierte. Auch sein Altphilologiestudium in Bonn nahm er wieder auf und schloss es mit einer Promotion zum Thema „Das mystische Schweigen der griechischen Philosophen“ ab. Diese beiden wissenschaftlichen Arbeiten sind bereits richtungsweisend für sein nachkommendes Lebenswerk.
Mutter Margarita, die als Gründerin von Herstelle gilt, und Pater Odo lernten sich in Bonn kennen. Die Schwester lebte seinerzeit noch im Kloster in Bonn-Endenich. Sie könnte Pater Casel vielleicht dort ihre innere Not anvertraut haben, dass sie sich nach einem Leben gemäß der Benediktsregel sehnte, diese aber in ihrem Kloster, das sich Frömmigkeitsformen des 18. und 19. Jahrhunderts verbunden fühlte, kaum beachtet wurde. Mit anderen Worten: Die Nonne wollte nicht nur beten, sondern auch ganz praktisch arbeiten.
Als sie später nach Herstelle gelangt war und dort Priorin wurde, lud sie Odo Casel dorthin ein. In ihren Gesprächen entstand die Idee, dass sich die Benediktinerinnen von Herstelle an der Lebensform der Beuroner Kongregation orientieren sollten. Die Erzabtei Beuron galt als Garant der strikten Einhaltung der Regel des Mönchsvaters Benedikt von Nursia. Zu dieser Kongregation gehörte auch die Abtei Maria Laach, das Mutterkloster von Casel.
Der Vorgesetzte von Odo Casel, Abt Ildefons Herwegen, fand diesen Gedanken gut, und sandte Casel 1922 als Seelsorger für die Klosterfrauen nach Herstelle. 1924 verkündete ein Päpstliches Dekret Pius' XI. die Aufnahme des Klosters in die Beuroner Kongregation. Pater Odo Casel blieb indes bis zu seinem plötzlichen Tod Ostern 1948 als Seelsorger und Privatgelehrter in der Abtei Herstelle.
Pater Odos großes Anliegen war ein erneuertes Verständnis von Liturgie, also von der Art und Weise der Gestaltung von Gottesdiensten. Die Liturgie sollte wieder zum Herzstück des christlichen Glaubens und Daseins werden. Ein Blick in die innerkirchliche Situation um die Jahrhundertwende lässt seine Bemühungen besser verstehen.
In der katholischen Theologie war zu dieser Zeit die Neuscholastik mit ihrer rationalen Ausrichtung und ihrem Versuch grundlegende Glaubens-Geheimnisse spekulativ-abstrakt zu konstruieren vorherrschend. In der ihr zu eigenen Logik genossen Geschichte, Sprache und Zeichen kaum Geltung. Die Kirche an sich wurde in erster Linie unter juridisch-organisatorischen Gesichtspunkten betrachtet. Hinzu kam, dass viele Gläubige die lateinische Sprache nicht verstanden. Dadurch erschwerte sich der Zugang zum Verständnis der offiziellen kirchlichen Liturgie und es entwickelten sich individuelle, parallellaufende Frömmigkeitsformen, wie z.B. das Rosenkranzbeten während der gemeinsamen Feier der Liturgie.
Casel wurde durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und durch die Liturgie, die er mit den Schwestern von Herstelle feierte und dort diskret seine mystagogischen Erkenntnisse bereits vor der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65) umsetzte, zu einem entscheidenden Motor der Liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Bewegung zählte auch der große Theologe des 20. Jahrhunderts Romano Guardini, dessen Publikation „Vom Geist der Liturgie“ (1918), zum „Grundbuch der Liturgischen Bewegung“ wurde.
1935 hielt sich Konrad Adenauer in Herstelle für kurze Zeit auf. (Vgl. Benediktinerinnenkloster Herstelle 1899 -1999. Aufbruch und Beständigkeit. 1999, S. 174; vgl. Eunike Wilkens: Aufenthalt von Dr. Konrad Adenauer in der Benediktinerinnenabtei vom Hl. Kreuz Herstelle. In: Jahrbuch Kreis Höxter 2008 (2007), S. 119–121.)
Es ist bekannt, dass sich Adenauer bereits zuvor immer wieder in das Kloster Maria Laach zurückzog, um so aus der „Schusslinie“ der Nazis zu kommen, die ihn seines Amtes als Kölner Oberbürgermeisters enthoben hatten und ihn und seine Familie verfolgten.
Zu Maria Laach hatte Adenauer eine besondere Beziehung, denn der damalige Abt und Vorgesetzte von Odo Casel, Ildefons Herwegen, war sein Klassenkamerad am Kölner Apostelgymnasium. Bei seinem Klassenkameraden dem Abt suchte und fand Adenauer immer wieder Zuflucht.
Da Abt Ildefons in engem Briefkontakt und wissenschaftlichem Austausch mit Odo Casel stand, der zwar nach 1922 nicht mehr in sein Kloster Maria Laach zurückkehrte, aber dennoch dem Abt in Maria Laach unterstellt blieb, vermittelte dieser wahrscheinlich den kurzen Aufenthalt Konrad Adenauers in Herstelle, weil die Nazis wussten, dass sich Adenauer immer wieder nach Maria Laach zurückzog und dieser Ort für Adenauer zeitweise als nicht mehr sicher galt.
Vielleicht hat Adenauer in Herstelle ein wenig Kraft schöpfen können in einer für ihn und seine Familie äußerst bedrückenden Zeit. Ständig war der spätere erste Bundeskanzler der Bundesrepublik, der bereits mehrere Verhöre und Inhaftierungen in Gestapo-Einrichtungen hinter sich hatte, der Angst ausgesetzt, dass seine Familie unter Druck gesetzt wurde, und er auf Dauer in einem Konzentrationslager interniert werden könnte. Besonders seine Ehefrau Gussie hat unter diesem psychischen Druck extrem gelitten und erkrankte daran.
Konrad Adenauer hat den Terror der Nazis überlebt. Dabei hat ihn sicherlich die klösterliche Geborgenheit und die Liturgie, die er in Maria Laach und in Herstelle erleben durfte, in den theologischen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe gestärkt.
Konrad Adenauer darf getrost als einer der maßgebenden Gründermütter und -väter der Bundesrepublik Deutschland betrachtet werden. In diesem Monat hat sich sein Geburtstag zum 150. Mal gejährt.
Möge die demokratische Kultur unserer Bundesrepublik in diesen Tagen durch führungsstarke und entschlossene Politikerinnen und Politiker, wie es Konrad Adenauer war, beschützt werden!
Mögen Kraftorte wie die Klöster von Maria Laach oder Herstelle, in denen Menschen guten Willens Zuflucht, Geborgenheit und Orientierung erfahren können, erhalten bleiben!
UTGH
