Von dem Dichter August Heinrich Hoffmann, bekannt als Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) stammt das folgende Gedicht:
Das alte Jahr vergangen ist,
Das neue Jahr beginnt.
Wir danken Gott zu dieser Frist,
Wohl uns, daß wir noch sind!
Wir sehn auf’s alte Jahr zurück,
Und haben neuen Mut:
Ein neues Jahr, ein neues Glück!
Die Zeit ist immer gut.
Ja, keine Zeit war jemals schlecht:
In jeder lebet fort
Gefühl für Wahrheit, Ehr’ und Recht
Und für ein freies Wort.
Hinweg mit allem Weh und Ach!
Hinweg mit allem Leid!
Wir selbst sind Glück und Ungemach,
Wir selber sind die Zeit.
Und machen wir uns froh und gut,
Ist froh und gut die Zeit,
Und gibt uns Kraft und frohen Mut
Bei jedem neuen Leid.
Und was einmal die Zeit gebracht,
Das nimmt sie wieder hin –
Drum haben wir bei Tag und Nacht
Auch immer frohen Sinn.
Und weil die Zeit nur vorwärts will,
So schreiten vorwärts wir;
Die Zeit gebeut, nie stehn wir still,
Wir schreiten fort mit ihr.
Ein neues Jahr, ein neues Glück!
Wir ziehen froh hinein,
Denn vorwärts! vorwärts! nie zurück!
Soll unsre Losung sein.
Man kann sicherlich über den zeitbedingten Stil dieser Poesie verschiedener Meinung sein, aber wenn der Dichter schreibt, „Hinweg mit allem Weh und Ach! Hinweg mit allem Leid!“, dann zeigt uns ein Blick auf seine Biographie, dass diese Zeilen von ihm existentiell durchlitten worden sind.
August Heinrich Hoffmann stammte aus Fallersleben, nahe Wolfsburg. 1816 begann er zunächst mit dem Theologiestudium in Göttingen, wechselte – wohl inspiriert durch Jacob Grimm, den er bei einem Besuch in Kassel traf – zur Germanistik, ein Fach, dass er durch seine eigene Arbeit zukünftig entscheidend mitprägte. Er studierte unter anderem in Bonn, ging dann nach Berlin, um Bibliothekar zu werden und wurde schließlich Kustos der Universitätsbibliothek von Breslau; 1830 wurde er dort sogar Professor.
1842 wurde er von der Preußischen Regierung seiner Professur enthoben und dies ohne Pensionsansprüche. Was war passiert? Unter anderem aufgrund seiner„Unpolitischen Lieder“ galt er als zu liberal und deshalb wurde ihm schließlich auch die Preußische Staatsbürgerschaft entzogen.
Für ihn folgten die harten Jahre der Flucht innerhalb der Deutschen Lande, in denen er immer wieder bei Freunden Asyl fand, bis er 1849 rehabilitiert wurde und sich im Rheinland niederlassen konnte; allerdings erhielt er seine Breslauer Professur nicht mehr zurück.
Im selben Jahr heiratete Hoffmann in Braunschweig seine 18-jährige Nichte Ida Friederike Georgine zum Berge. 1861, genau an ihrem 11. Hochzeitstag verstarb seine Frau im Alter von nur 29 Jahren nach ihrer vierten Entbindung im Kindbett im Kloster Corvey.
In Corvey lebte die Familie seit 1860, weil Hoffmann von Fallersleben durch die Vermittlung von Franz Liszt und der Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein dort eine Anstellung als Bibliothekar an der Fürstlichen Bibliothek zu Corvey erhielt. (1820 kam Corvey in den Besitz der Landgrafen von Hessen-Rotenburg und durch ein Erbverfahren schließlich in den Besitz der heutigen Eigentümer, dem Herzoglichen Haus Ratibor und Corvey.)
Wenn wir heute im Herzen des Weserberglandes eine derart großartige Bibliothek bewundern können, so verdanken wir dies vor allem Hoffmann von Fallersleben. Der Dichter starb am 19. Januar 1874 in Corvey und wurde auf dem dortigen Klosterfriedhof neben seiner früh vollendeten Gattin bestattet.
Hoffmann von Fallersleben, der auch der Dichter unserer Nationalhymne und vieler anderer Gedichte ist, die zu eingängigen Volks- und Kinderliedern wurden (z.B. „Alle Vögel sind schon da...“oder „Summ, summ, Summ, Bienchen summ herum...“) hat also im Kloster Corvey im Weserbergland seine letzte irdische Ruhestätte gefunden.
Schon der oberflächliche Blick auf seine Biographie zeigt, dass sein Leben ein bewegtes und kein leichtes Leben war. Insbesondere der frühe Tod seiner Frau wird ihm schwer zugesetzt haben.
Vor diesem Hintergrund erscheinen die Verse seines Neujahrsgedichtes wie ein besonderes Vermächtnis an uns. Der Dichter wusste offenbar, wovon er schreibt:
Und machen wir uns froh und gut,
Ist froh und gut die Zeit,
Und gibt uns Kraft und frohen Mut
Bei jedem neuen Leid.
Und was einmal die Zeit gebracht,
Das nimmt sie wieder hin –
Drum haben wir bei Tag und Nacht
Auch immer frohen Sinn.
Mögen uns diese Worte des Dichters auf unserem Weg durch die Zeit des noch jungen Jahres begleiten!
UTGH
