Weihnachten ist für den Weserberglander noch längst nicht vorbei, und für Sie hoffentlich auch nicht! Weihnachten hat gerade erst begonnen!
Die Kirche feiert Weihnachten bis zum Sonntag der Taufe des Herrn, das ist der Sonntag nach dem Hochfest der Erscheinung des Herrn (Heilige Drei Könige, 6. Januar). Bis dahin sind in den Kirchen - auch bei uns im Weserbergland – Weihnachtsbäume und Krippen zu sehen.
Es lohnt sich in diesen Tagen „zwischen den Jahren“ eine "Krippentour" zu unternehmen, indem wir uns auf den Weg in offene Kirchen machen. In der Weihnachtskrippe drückt sich die Sehnsucht des Menschen aus, sich selbst eine kleine Landschaft zu bauen, um das unfassbare Geschehen der Menschwerdung Gottes zu betrachten und zu berühren.
Der Brauch, Weihnachtskrippen zu gestalten, geht auf den Heilgen Franziskus (1182-1226) zurück. Er fabrizierte eine Krippe mit lebendigen Menschen und Tieren und ist damit wahrscheinlich der Erfinder des Krippenspiels.
An keiner Krippe dürfen Ochs und Esel fehlen. Wie sind diese Kreaturen dort hingekommen?
Kritische Zeitgenossinnen und Zeitgenossen mögen einwenden, dass in keinem der vier Evangelien in den Weihnachtsberichten von Ochs oder Esel die Rede ist. Das ist in der Tat richtig, aber richtig ist auch, dass diese Figuren zutiefst biblisch sind.
Im 1. Kapitel des 66 Kapitel umfassenden Buches des Propheten Jesaja heißt es gleich am Anfang:
„Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ (Jes 1,3)
Jesaja, der im 8. Jahrhundert vor der Geburt Christi lebte, ist der Prophet, der die Geburt Jesu vorausgesehen hat. Ihm verdanken wir die Utopie, dass aus einem Baumstumpf neues Leben wächst. Um genau diesen Sachverhalt geht es im übrigen in dem Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“.
Jesaja verdanken wir auch die Visionen vom leidenden Gottesknecht, in dem die Kirche schließlich den leidenden und gekreuzigten Sohn Gottes wiedererkennt.
Jesaja sagt ziemlich provokant, dass Och und Esel mehr Ahnung von Gott haben, als seine klugen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wie kommt das?
Schauen wir ein wenig auf die Gestalten von Ochs und Esel. Ochs und Esel sind die Tiere der kleinen Leute. Sie tragen Lasten und ziehen Pflüge hinter sich her. Sie sind weder Zuchtbullen noch Paradepferde. Sie gelten als stur und störrisch, aber zugleich sind sie treu und zuverlässig. Ochs und Esel haben ein ganz natürliches Verhältnis zu ihrer Umwelt, sie kennen ihren Herrn und wissen, wo es etwas zu fressen gibt.
Dem Charakter dieser Tiere stellt der Prophet die Menschen entgegen, die nicht mehr wissen, wer sie ernährt und wer ihr Herr ist. Jesaja benennt damit die Entfremdung des Menschen. Der Mensch hat sich von der Schöpfung und schließlich auch von seinem Schöpfer entfremdet.
Entfremdung ist ein ganz entscheidendes Stichwort, das im 19. Jahrhundert auch von Karl Marx benutzt wird. Entfremdung führt zu Sinnlosigkeit und Verarmung, so Marx, der bekennende Atheist.
Die Entfremdung des Menschen von sich selbst, seiner Schöpfung und seinem Schöpfer ist heute geradezu mit der Hand zu greifen. Unser Klima ist krank und viele möchten, dass der Name Gottes aus der Öffentlichkeit verschwindet. Ochs und Esel scheinen das besser erfasst zu haben.
Für uns ist es kein Zufall, dass es Ochs und Esel zur Krippe treibt. Sie wollen fressen und finden dabei im Ort Bethlehem mehr als etwas zu fressen. Übrigens könnte Bethlehem auf deutsch mit „Brothausen“ übersetzt werden. (Das wäre übrigens ein schöner Name für ein Dorf im Weserbergland.) Esel und Ochs stoßen in Bethlehem mit ihrem sensiblen Maul auf den, der einmal von sich sagen wird: „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh 6, 48)
Übrigens begegnen uns Esel über 130 Mal in der Bibel. Ein Esel ist es schließlich auch, der Jesus vor dessen Kreuzigung nach Jerusalem trägt, was uns daran erinnert, warum Jesus geboren worden ist.
Jesus ist geboren worden, um die Entfremdung des Menschen von seinem Schöpfer aufzuheben. Er, der Sohn ist es, der mit seinem Kreuz jenen tiefen Graben der Entfremdung zwischen dem Menschen und Gott überbrückt.
Aus der Stadt Lügde bei Pyrmont ist uns ein Brauch durch den früh vollendenden Stadtarchivar Manfred v. Willeke berichtet worden. In der Heiligen Nacht legten die Bauern von Lügde Heu vor ihre Türen, im Vertrauen darauf, dass Ochs und Esel, wenn diese durch die Stadt kämen, um die Heilige Familie nach Bethlehem zu tragen, vor ihren Häusern etwas fressen würden. Am Morgen galt dieses Heu als von Ochs und Esel gesegnet und wurde am Weihnachtstag als kostbare Gabe an das Vieh verfüttert.
Eine andere alte Tradition besagt, dass in der Heiligen Nacht die Tiere sprechen können.
Wenn jetzt Ochs und Esel zu uns sprächen, was würden sie uns sagen?
UTGH
