28 Dec
28Dec

Am zweiten Tag nach Weihnachten feiert die Kirche den ersten Märtyrer, den Heiligen Stephanus. Im Laufe der Jahre empfinde ich an diesem Tag immer wieder einen inneren Zwiespalt. 

Wenn ich als Kind die Texte der Messe am 2. Weihnachtstag hörte, besonders den Text aus der Apostelgeschichte, in dem uns der Märtyrertod des Stephanus überliefert wird, fühlte ich mich stolz und ging mit dem Gefühl nach Hause, zu den Guten zu gehören, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Mörder, das waren die anderen.

Vor genau 400 Jahren tobte im Heiligen Römischen Reich der Dreißigjährige Krieg, auch bei uns im Weserbergland. In diesem Krieg ging es nicht nur um Religion, aber das Religiöse war der Schmierstoff für diesen Krieg. Katholiken gegen Protestanten, protestantische Union gegen katholische Liga. Unendliches Leid hat dieser Krieg über Menschen gebracht; unendliches Leid, das im Namen des christlichen Glaubens verübt wurde. Menschen wurden auf vielfältige Weise „gesteinigt“.

In dieser Zeit begegnet uns der Jesuitenpater Friedrich von Spee (1591-1635), wie der Weserberglander schon an anderer Stelle berichten konnte. Ihm verdanken wir auch das wunderschöne Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“.

Friedrich von Spee war zutiefst erschüttert von einer ganz perfiden Form der „Steinigung“, nämlich der Verfolgung, Verurteilung und Verbrennung von sogenannten Hexen. Wahrscheinlich hat Pater von Spee in Falkenhagen am Fuß des Köterbergs seine „Cautio criminalis seu de processibus contra sagas liber (auf Deutsch: Rechtlicher Vorbehalt oder Buch über die Prozesse gegen Hexen) verfasst.

Mit dieser Schrift trug er entscheidend zum Ende des Hexenwahns im Deutschen Sprachraum bei. Durch die Veröffentlichung dieses Buches geriet Friedrich von Spee sogar innerhalb seines Ordens unter Druck und wurde von seinem Amt als Professor für Moraltheologie in Paderborn enthoben und nach Trier versetzt, wo er Pestkranke pflegte und dabei selbst starb.

In Bezug auf die Hexenverfolgung gab es übrigens zwischen Katholiken und Protestanten eine perverse Ökumene. Im protestantischen Lemgo begegnet uns ein gewisser Herman Cothman (1629-1683). Als Mitglied des Stadtrats und später als Bürgermeister von Lemgo gehen über 100 Todesurteile gegen Personen, die der Hexerei überführt wurden, auf sein Konto. Die Tatsache, dass 1654 seine Mutter selbst Opfer eines solchen Prozesses und hingerichtet wurde, wird Cothman schwer belastet haben, macht die Sache aber keineswegs besser. Ähnliche Geschichten haben sich auch in katholischen Städten abgespielt!

Tatsache ist, dass in einer christlichen Kultur kirchliche und in diesem Fall weltliche (!!!) Machthaber solche Urteile verfügten und vollstrecken ließen. Die Geschichte ist voll solcher Verbrechen, die auf ein Paradoxon hinweisen: Einst verfolgte Christinnen und Christen wurden selbst Verfolgerinnen und Verfolger. 

Immer wieder wird - auch von Historikerinnen und Historikern - gesagt, dass heute über all' das nicht geurteilt werden könne, man müsse diese Verbrechen aus der Zeit heraus verstehen und deuten. (Erzählen Sie mal einer Familie, die vor 20 Jahren ein Mordopfer zu beklagen hatte, dieser Mord müsse aus der Zeit heraus verstanden werden...) 

Wir jedenfalls verweigern uns dieser relativierenden Sichtweise, denn Jesus verkündet in seinem Evangelium von Anfang an in seiner Bergpredigt (Mt 5,1-7,29) einen anderen Weg.

Die Hexenprozesse liegen lange zurück, aber Formen einer subtilen „Steinigung“, nämlich einer gesellschaftlichen Ausgrenzung, lebten und leben in unseren Kulturen fort. 

Was hatten bis vor kurzem noch Frauen zu erdulden, die ein Kind zur Welt brachten, ohne verheiratet zu sein! Uneheliche Kinder wurden oftmals gesellschaftlich benachteiligt und ausgegrenzt. Erst seit dem 1. April 1998 sind uneheliche Kinder den ehelich Geborenen im Erbrecht gleichgestellt, sofern wir den Angaben der KI trauen können. (An dieser Stelle erlaubt sich der  Weserberglander die Bemerkung, dass er sich für die Recherche auch der KI bedient, aber seine Texte immer selbst erstellt!)

An dieser Stelle sind wir nun schon bei der Ambivalenz des Festes der Heiligen Familie angekommen, das heute in der katholischen Kirche begangen wird. 

Im Tagesgebet heißt es: Herr, unser Gott, in der Heiligen Familie hast du uns ein leuchtendes Vorbild geschenkt.“

Dieser Satz entbehrt nicht einer gewissen Tragikomödie, denn zunächst einmal müssen wir festhalten, wenn wir die Lehre der Kirche ernstnehmen, dass Jesus ein uneheliches Kind war. Josef war nicht der biologische Vater von Jesus. Es ist davon auszugehen, dass diese Familie in Nazareth einem erheblichen sozialen Druck ausgesetzt war, weil sie eben nicht so war wie der Mainstream. Worin aber besteht das leuchtende Vorbild dieser Familie?

Das Vorbild der Heiligen Familie, die wohl als die berühmteste „Patchwork-Familie“ der Welt bezeichnet werden darf, liegt für uns darin, dass Familie im Sinne des Evangeliums mehr ist als ein biologisch-genetisches Konstrukt in einem ethischen Korsett.

Die christliche Familie ist kein Clan, sondern eine Gemeinschaft, die offen ist für andere, eine Gemeinschaft, die an ihrem Tisch Platz für andere hat, die einsam und hungrig sind. Diese Art von Familie ist Kirche im kleinen, die Ecclesiola. Vor diesem Hintergrund müssen auch die harten Worte Jesu in Hinblick auf seine eigene Familie verstanden werden:

Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mt 12, 46-50)

Für uns ist dies das Konzept Jesu für die Heilige Familie. Offensichtlich ist Jesus aber mit diesem Konzept praktisch gescheitert. Im Laufe der Geschichte behielt die Clanwirtschaft die Oberhand, und die Kirche salbte Clanchefs zu christlichen Königen. Aus diesen Clans rekrutierte sie auch über Jahrhunderte ihr kirchliches Leitungspersonal. Päpste, Bischöfe, Äbtissinnen und Äbte, ebenso machten es auch protestantische Landesherren.

UTGH