Am 4. Oktober 2026 jährt sich zum 800. Mal der Todestag des heiligen Franz von Assisi. Franziskus ist nicht einfach nur ein Ordensgründer, sondern der Beginn ein unglaublichen Bewegung, die in Windeseile das Hochmittelalter erfasste und damit auch das Weserbergland oder zumindest die Ränder des Weserberglandes.
Der Mann aus der umbrischen Stadt Assisi kam aus einem reichen Elternhaus und hieß eigentliche Giovanni Bernadone. Weil seine Mutter aus Frankreich stammte, nannte ihn sein Vater, ein reicher Tuchhändler, „Francesco“. Der Vater wollte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat. Dies schien anfangs auch gelingen, bis sein Sohn, reich ausgestattet mit Pferd und Knappen in den Krieg zog und dabei in fürchterliche Kerkerhaft geriet. Von da an verlief im Leben dieses Mannes nichts mehr normal.

Franz sagt sich vom Reichtum und von seinem Vater los und sammelt um sich Gleichgesinnte. Sie nennen sich die minderen Brüder und aus dieser Gruppe wird irgendwann der vom Papst approbierte Orden der Minderbrüder, Ordo Fratrum Minorum. Das offizielle Kürzel diese Ordens lautet bis heute „OFM“ und der Volksmund hat das bisweilen mit den Worten „ohne feine Manieren“ übersetzt. In der Tat, Franz verzichtet auf feine Manieren und „verheiratet“ sich und seine Brüder und Schwestern mit der „Armut“. Er will Christus radikal nachfolgen, und dazu gehört für ihn die radikale Armut. Franz erkennt im materiellen Besitz eine große Barriere, die es dem Menschen schwer macht, Gott zu erfahren.
Die Bewegung wächst und bereits im 13. Jahrhundert entstehen Franziskanerklöster auch am Rande Weserberglandes, so beispielsweise in Hannover, Herford, Hildesheim, Kassel oder Paderborn. Auch direkt im Weserbergland finden wir die Franziskaner ab 1261, nämlich in Höxter.

Warum gibt es zunächst in unserer Gegend nur einen Konvent der Franziskaner in Höxter? Das ist recht einfach zu erklären. Die Franziskaner waren ein Orden ganz neuen Typs, ganz anders als die im Weserbergland tief verwurzelten monastischen Klöster oder Stifte, über die wir hier bereits mehrfach berichteten. Jene Klöster waren noch ganz und gar an das Prinzip des Grundbesitzes gebunden. Die Franziskaner, die zu den mittelalterlichen Bettelorden gehörten, brauchten das soziale Umfeld der emporwachsenden Städte, in denen sie, ihrem strengen Armutsgelübde folgend, ihren Lebensunterhalt erbettelten und zugleich als Seelsorger für die Menschen da waren.

Ihre Struktur war im Gegensatz zur Stabilität der Mönchsklöster, die - wie wir bereits in Amelungsborn oder Bursfelde sehen konnten - von der eigenen Land- und Viehwirtschaft lebten und die Stille suchten, ganz anders. Sie waren eine mobile und damit sehr flexible Bruderschaft (Fraternität). Diese Lebensform war für viele sehr attraktiv. Auch Adelige Personen schlossen sich dem Franziskanerorden an, wie beispielsweise Graf Adolf IV. von Schaumburg (ca.1205-1261), einem Geschlecht, das auf der Schaumburg an der Weser bei Rinteln seinen Stammsitz hatte. (Übrigens verdankt diesem weserbergländischen Geschlecht das Wappen von Schleswig-Holstein das Nesselblatt.)
Manche sagen, dass nur der heilige Franziskus und seine ersten Gefährten zusammen mit der heiligen Klara von Assisi, der Begründerin des weiblichen Zweiges dieser Bewegung, wirkliche Minderbrüder waren. Je mehr aus der Bewegung ein organisierter Orden wurde, desto größer wurde der Streit über das „wahre Erbe“ des heiligen Franziskus und so kam es in den kommenden Jahrhunderten zu diversen Spaltungen oder verschiedenen Observanzen. So begegnen uns bis heute neben den Franziskanern auch die Kapuziner, die 1525 als strenge Reformbewegung der Franziskaner entstanden oder die Franziskaner-Konventualen, die sich 1517 von dem Mutterorden trennten und heute im Gegensatz zu dem braunen Ordenshabit der Franziskaner und Kapuziner ein schwarzes Ordenskleid tragen.

Ein wichtige Rolle spielten die Franziskaner und Kapuziner im Weserbergland auf dem Gebiet des Hochstiftes Paderborn in der Zeit der Gegenreformation und des 30-jährigen Krieges. Hier profilierten sich die Patres vor allem in Höxter und dann in Herstelle als volkstümliche und bisweilen sehr derbe Prediger (eben ohne feine Manieren). Diese Brüder waren bei den einfachen und kleinen Leuten extrem beliebte Seelsorger, weil sie in ihrer strengen Lebensweise den Hunger und die Armut mit den kleinen Leuten teilten.

Im Zuge der Konsolidierung der katholischen Kirche im Hochstift Paderborn kamen 1645 Kapuziner auch nach Brakel, wo sie zunächst bei der Bürgerschaft nicht wirklich willkommen waren, dennoch sollten sie dort für fast zwei Jahrhunderte wirken, bis das Kloster im Zuge der Säkularisierung 1833 aufgehoben wurde. Bemerkenswert ist, das die Kapuziner in Brakel 1715 ein herrliches barockes Juwel als Klosterkirche erhielten, es war das Erstlingswerk des bedeutendsten Barockbaumeisters Conrad Schlaun (1695-1773), dem es gelang seinen ganz eigenen Stil Barockstil zu prägen.

In Lügde bei Pyrmont waren die Franziskaner ab 1735 ansässig, Die Brüder dieses Klosters gehörten zur sächsischen Provinz des Franziskanerordens und sollten eine Art von „Brückenkopf“ für die Seelsorge in den umliegenden evangelischen Gebieten bilden, bis dann 1812 im Zuge der napoleonischen Säkularisierung die Auflösung des Klosters erfolgte.

Der heilige Franziskus hat das Gesicht der Kirche bis heute entscheidend geprägt. Ihm und seiner radikalen Umsetzung der Botschaft Jesu ist es zu verdanken, dass die Kirche im Hochmittelalter auf empfindliche und zugleich wirksame Weise daran erinnert wurde, dass die Armen die besonderen und ausdrücklichen Freundinnen und Freunde Jesu sind. Franziskus macht der Kirche bis heute klar, dass eine Kirche, die nicht den Armen dient, zu nichts dient, wie es einmal sinngemäß der französische Bischof Jacques Gaillot (1935-2023) zum Ausdruck gebracht hat.

Vielleicht lebt ein Teil der franziskanischen Spiritualität heute in der säkularen Bewegung des Minimalismus neu auf. Dass die Bewegung der Minimalistinnen und Minimalisten nicht im kirchlichen Raum entstanden ist, könnte allen kirchlich engagierten Menschen, zu denen sich auch der Weserberglander zählt, am 800. Todestag des Heiligen Franz von Assisis ein wichtiger Denkanstoss sein.
UTGH