14 Mar
14Mar

Im Landkreis Holzminden nahe Stadtoldendorf finden wir auf einer Hochfläche, dem Odfeld, das ehemalige Zisterzienserkloster Amelungsborn.

In diesem Kloster werden - auch nach der Reformationen - bis heute lutherische Formen klösterlichen Lebens weiterentwickelt und praktiziert werden. So gibt es nach wie vor einen Abt und Konventsmitglieder, die immer wieder ins Kloster Amelungsborn kommen, um dort für eine gewisse Zeit gemeinsam zu beten und zu arbeiten. Sie tun dies im Selbstverständnis „evangelischer Zisterzienser“ und pflegen auch ökumenische Kontakte zu noch existierenden katholischen Zisterzienserklöstern. 

Nicolaus Heutger (1932-2008) gehörte zu dieser Gemeinschaft in Amelungsborn. Im Folgenden nehmen wir u.a. Bezug auf seine profunde Forschungsarbeit. (Vgl. Nicolaus Heutger, Das Kloster Amelungsborn. Werden-Wachsen-Wirken (Forschungen zur niedersächsischen Klostergeschichte 5), Hannover 2000.)

Die Zisterzienserinnen und Zisterzienser sind eigentlich reformierte Benediktinerinnen und Benediktiner, die im 12. Jahrhundert in Citeaux in Frankreich entstanden und dann eine rasante Wachstumsgeschichte erlebten. Bereits in der Mitte des 12. Jahrhunderts gab es über 300 Zisterzienserinnen- und Zisterzienserklöster, die sich über ganz Europa ausbreiteten. Der wohl berühmteste und durchaus streitbare Zisterzienser war Bernhard von Clairvaux (+1153). Er verfasste einen berühmten Kommentar zum biblischen Buch des Hohenliedes, trat auch als Kreuzzugsprediger auf und war als Ratgeber von Päpsten und Königen ein mächtiger Kirchenpolitiker.

Amelungsborn wurde von dem seinerzeit mächtigen Grafen Siegfried IV. von Northeim, der in anderen Urkunden auch als Graf von Boyneburg oder Homburg bezeichnet wird, als Familiengrablege gestiftet. 

Die „Gründungsmannschaft“ kam aus dem Kloster Kamp am Niederrhein bald nach 1130. Graf Siegfried stand offensichtlich in enger Beziehung zu Kaiser Lothar von Supplinburg, und es ist klar, dass er nicht nur geistliche Ziele und sein Seelenheil mit dieser Stiftung im Blick hatte. Klöster, auf die er Einfluss nehmen konnte, waren für ihn wichtige Vorposten, die der Arrondierung seiner Herrschaftsgebiete dienen sollten. Siegfried war wie grundsätzlich der Adel seit dem frühen Mittelalter höchst interessiert daran, die sogenannten Vogteirechte über Klöster zu erwerben, oder nähere Verwandte in die Stellung einer Äbtissin oder eines Abtes zu bringen.

Das Wort Vogt leitetet sich vom lateinischen „Advocatus“ her. Der Vogt war im Mittelalter in der Regel kein Kleriker, sondern ein adeliger Amtmann, der das Kloster gegenüber weltlichen Gerichten zu vertreten hatte. Dieses Amt war in der Regel erblich, brachte dem Vogt Einnahmen und wurde nicht selten von den Mönchen als Last empfunden und war die Ursache für viele Konflikte. Die Zisterzienser lehnten die Vogtei grundsätzlich ab, mussten aber regelmäßig diesbezüglich Kompromisse machen, um anstehende Neugründungen zu finanzieren. So war es auch in Amelungsborn.

Heutger hält fest: „Das Kloster Amelungsborn sollte so ein Glied in der Kette jener Klöster darstellen, die zwischen Leine und Oberweser Siegfrieds Verfügungsgewalt mehr oder weniger unterstanden und die helfen sollten, seinen Machtbereich nach Norden hin abzuschließen.“ (Heutger, a.a.O. 32.) 

Darüberhinaus übte Siegfried die Vogteirechte über die Klöster Helmarshausen an der Diemel, Bursfelde an der Weser, Northeim an der Ruhme, Flechtdorf bei Korbach und Heiligenstadt im Eichsfeld, Clus bei Gandersheim und in Gandersheim selbst aus. Auch in Corvey hatte er zeitweise die Vogtei inne. 

Der Graf übte auch soviel Druck aus, dass sein Halbbruder 1143 Abt von Corvey werden konnte, was dann aber 1146 durch einen päpstlichen Legaten annulliert wurde. Seine Halbschwester Judith manövrierte der gewiefte und bisweilen brutal agierende Machtmensch an die Spitze der Kanonissenstifte Kemnade an der Weser, Eschwege an der Werra und Geseke in Westfalen.

In den Quellen ist davon die Rede, dass Judith, deren Spur sich in den Urkunden verliert, woraus zu schließen ist, dass sie wahrscheinlich ihr 40. Lebensjahr nicht mehr erreichte, verschiedene Liebesaffären und ein Kind hatte (vgl. Heutger, a.a.O. 31.). Solche Nachrichten sind mit Vorsicht und Nachsicht zu bewerten, weil in der Regel männliche, mönchische und somit tendenziöse Chronisten Gerüchte, dass eine missliebige und junge Äbtissin ein Kind und verschiedene Liebhaber gehabt haben sollte, genüsslich und zu ihrem eigenen Vorteil ausschlachteten. 

Jenseits eines moralischen Urteils zeigt dieser Vorfall, wie viele Adelige im Mittelalter nur aus familien- und machtpolitischen Gründen ein geistliches Amt bekleideten, ohne eine geistliche Berufung für ein Leben der Gottsuche als Mönch oder Nonne zu haben. Hier erkennen wir bereits die Praxis des Missbrauchs geistlicher Ämter (Nepotismus und Simonie), die sicherlich erheblich zum schlechten Ruf vieler Klöster und schließlich zur protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert beitrug.

Wie auch immer, diese Machtpolitik Graf Siegfrieds IV. konnte nichts daran ändern, dass mit seinem Tod 1144 sein Geschlecht im Mannesstamm erlosch, da sein Sohn Konrad unehelich und damit nicht erbberechtigt war. Das war das Ende seiner Vision einer großen Herrschaft. 

1152 übernahm ein anderer, nicht weniger skrupelloser Machtmensch die Gütermasse der Northeimer Grafen, nämlich Heinrich der Löwe. Damit beginnt die Ära der welfischen Herzöge (zum Schluss waren es die Könige von Hannover), welche nach und nach weite Teile des Gebietes zwischen Weser, Leine und Elbe beherrschen sollten. 

Das Kloster Amelungsborn existierte indes als katholisches Zisterzienser-Kloster fast 400 Jahre lang weiter bis zu seiner ersten evangelischen Visitation am 25. Oktober 1542.

Wer danach fragt, warum die Kirchen in Deutschland nach wie vor staatlich privilegierte Einrichtungen sind (Stichwort: Einziehung der Kirchensteuer durch den Staat oder die sogenannten Staatsleistungen, die von Bundesländern an die Kirchen zu entrichten sind, muss die Anfänge des Verhältnisses von kirchlicher und weltlicher Macht seit dem Frühmittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts betrachten, als Bischöfe, Äbtissinnen und Äbte noch Reichsfürsten waren und sowohl kirchliche als auch weltliche Machtbefugnisse innehatten. 

Weite Teile der Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit kreisen letztlich und endlich immer wieder um die Frage nach der Ein- und Abgrenzung kirchlicher und weltlicher Macht. Die Entwicklungen und die Verläufe der Reformation im 16. Jahrhundert und des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert sind ist nicht nur, aber auch unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten und zu bewerten.

Was bleibt für uns heute? Es ist die Frage, ob und inwiefern es nach wie vor geistliche Orte wie Amelungsborn braucht, an denen Menschen in Form einer Gebets-, Arbeits- und Gütergemeinschaft Gott suchen und andere an den Erfahrungen ihrer Suche teilhaben lassen. Für uns liegt die Antwort klar auf der Hand: Ja, wir brauchen heute mehr denn je Orte, an denen wir zu uns selbst kommen können, um dann auch zum eigentlichen Sinn unseres Lebens zu kommen.

Mögen vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die Logik der Marktwirtschaft ausreichen, um materialistisch ihr Woher und Wohin zu erklären, uns genügt dies nicht, denn in diesem Erklärungsmodell bleibt die Frage offen, ob ich in meiner Existenz gewollt oder nur ein Produkt des Zufalls bin. 

Wenn ich nur zufällig auf der Welt bin, dann kann ich meinen Lebenssinn nur vorläufig begründen, sofern ich im ökonomischen Sinne nützlich bin und etwas leiste. Das Gefühl, nichts (mehr) nütze zu sein und nichts (mehr) zu leisten, endet nicht selten in der Depression und gegebenenfalls im mittlerweile gesellschaftlich fast hoffähig gewordenen assistierten Suizid.

Einer klösterlichen Gemeinschaft muss es immer um die Gottsuche gehen. Die Geschichte auch der meisten Klöster des Weserberglandes lehrt uns, dass jene Klöster, die sich im Laufe der Geschichte den Götzen politischen Machtstrebens und ökonomischer Gewinnmaximierung hingaben, heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form existieren. 

Erstaunlicherweise geht auch heute von den vormaligen Klosteranlagen, und wenn es nur noch Ruinen sind, eine besondere Faszination aus, eben weil in diesen Anlagen etwas nachhallt von dem, was Menschen vor uns von Gott erfahren haben.

Dem Weserberglander geht es auf seinen Wegen vor allem um die Spurensuche von Erfahrungen, die Menschen vor uns mit Gott gemacht haben. Wir bleiben auf dieser Suche und berichten weiter...

UTGH