Unser letzter stiller Besuch im Kloster Amelungsborn auf dem Odfeld hat in uns vielerlei Gedanken ausgelöst und uns motiviert, tiefer in die Vergangenheit dieses Ortes einzutauchen und diese Gedanken hier im Weserberglander_Blog darzulegen, weil für uns die Weserbergland-Klöster entscheidend zur Identität der einzigartigen Kultur-Landschaft des Weserberglandes gehören.
Bevor wir uns zum Abschluss dieser „Amelungsborn-Trilogie“ wieder die Frage nach dem stellen, was für heute bleibt, möchten wir noch einen wichtigen Aspekt benennen, der das benediktinisch-monastische Klosterleben charakterisiert und von anderen Ordensgemeinschaften unterscheidet, die Beständigkeit (Stabilitas).
Dazu sagt die Benediktsregel unter anderem: Wenn einer nach der Prüfungszeit ins Kloster eintreten möchte,“verspreche er … in Gegenwart aller Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam...“ (Vgl. Regula Benedicti, Die Benediktsregel. Lateinisch/ Deutsch, Herausgegeben im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, 6. Auflage, Beuron 2020, Abkürzung RB, 58, 17.)
Diese Beständigkeit wird auch als „Stabilitas Loci“ verstanden, was bedeutet, dass sich der Mönch für den Rest seines Lebens an das Kloster bindet, in das er eingetreten ist und dort auch bleibt.
Dieses Gebot erfuhr immer wieder eine Relativierung, insbesondere bei den Zisterziensern. Obwohl sie auf die strenge Befolgung der Benediktsregel absoluten Wert legten, interpretierten sie die "Stabilitas" als eher Treue zur Regel, weil sie ja immer wieder aufbrechen wollten, um neue Klöster zu gründen.
So auch die Mönche von Amelungsborn, die 1145 das Kloster in Riddagshausen bei Braunschweig und 1171 das Kloster Doberan gründeten. (Vgl. Nicolaus Heutger, Das Kloster Amelungsborn. Werden-Wachsen-Wirken (Forschungen zur niedersächsischen Ordensgeschichte 5), Hannover 2000, 38-40; 148-151.)
1154 machte sich der Mönch Berno von Amelungsborn aus auf den Weg, weil er in sich eine Berufung zur Mission der heidnischen Wenden östlich der Elbe verspürte. Aufgrund seines Stabilitätsgelübdes benötigte der spätere Bischof von Mecklenburg dazu die Dispens des Papstes Hadrians IV. (1154-1159). Die Bereitschaft als Missionar gegebenenfalls sogar für Christus zu sterben, wog das Stabilitätsgelübde auf. (Vgl. Heutger, a.a.O. 146-148.)

Das hat zugleich etwas mit der Tradition der „Peregrinatio“ (aus dem Lateinischen „peregrinus“ = Fremder) zu tun. (Vgl. Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter, Die abendländische Christenheit von 400 bis 900, 212 f.) Als Fremder um Christi Willen in der Tradition Abrahams in unbekanntes Land aufzubrechen, stand im iro-schottischen Möchtum hoch im Kurs.
Letztlich war dies ja auch das Modell der Mönche, die - wie der Heilige Bonifatius und seine Gefährtinnen und Gefährten - das Evangelium nach Deutschland brachten. Dieses Modell befand sich durchaus in einer gewissen Konkurrenz zur benediktinischen „stabilitas loci“.
Die Berufung auf diese Tradition der "Peregrinatio" war letztlich und endlich ein legitimes Mittel, um als Mönch auf legale Weise dem Kloster zu entkommen, wenn ihm dort die Decke auf den Kopf fiel, oder er mit dem Abt oder seinen Mitbrüdern nicht (mehr) klarkam.
Wenn wir das Leben des wohl berühmtesten Zisterziensers, des Heiligen Bernhard von Clairvaux chronologisch betrachten, dann war er wohl die meiste Zeit seines Lebens unterwegs und nicht im Kloster. Auch im Kloster gilt der Satz: Ausnahmen bestätigen die Regel...

Was bleibt für heute?
Vor dem Hintergrund, dass wir uns heute als Teil einer grenzenlos mobilen Gesellschaft erleben, in der wir tagtäglich auch als normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bisweilen über 200 km mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln hin- und herpendeln, kommt vielleicht der benediktinischen Stabilität eine neue Bedeutung zu.
Könnte es vielleicht sein, dass sich unsere Lebensqualität verbessern würde, wenn wir, in einem überschaubaren Radius lebend, alles zu Fuß erledigen und so die Langsamkeit der Zeit wieder entdecken könnten?
Sicherlich wird dies nicht mehr für alle möglich sein, aber gut wäre es, wenn es flächendeckend Klöster als Orte gäbe, wo dies auch von Gästen für eine zeitlang ausprobiert werden könnte.
Derzeit leben in Deutschland nach unseren vorsichtig optimistischen Schätzungen noch insgesamt ca. 2000 Nonnen und Mönche in Klöstern gemäß der Benediktsregel. Im Weserbergland gibt es noch ein aktives Benediktinerinnenkloster, die Abtei vom Heiligen Kreuz in Herstelle. (Der Weserberglander berichtete darüber.)
Hat das monastische Leben - bei uns im Weserbergland und darüberhinaus - noch eine Chance, oder wird das Klostersterben im säkularisierten Europa ungebremst weitergehen?

Wir wissen es nicht, aber wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass die Institution des Klosters notwendig ist und bleibt, auch bei uns im Weserbergland. Dazu stellen wir abschließend sieben Thesen auf:
UTGH
