30 Aug
30Aug

Der Sommer neigt sich langsam, aber sicher dem Ende zu, auch wenn es vielleicht noch bis in den November hinein warme und sonnige Tage geben wird. Die Paderborner, die aus der Tiefe der westfälischen Bucht heraus gen Osten auf die Ausläufer des Weserberglandes emporschauen, haben Recht, wenn sie sagen: „Libori nimmt das Licht mit.“ Damit wird deutlich, dass die Tage bereits nach dem Liborius-Patronatsfest Ende Juli deutlich kürzer werden.

Wer in diesen Tagen durch das Weserbergland wandert, entdeckt bereits trockenes Laub, welches der Wind von den Bäumen geweht hat. Dies ist vor allem der Trockenheit geschuldet. Wir beobachten bereits seit Jahren im Weserbergland, dass auf den Kammlagen die einst stolzen und dichten Baumkronen immer lichter werden. Auch das ist der anhaltenden Trockenheit geschuldet. Die Wurzeln der Bäume in den höheren Lagen können nicht mehr genügend Wasser aufnehmen. Der Grundwasserspiegel sinkt weiter ab.

Der Weserberglander kann sich Schöneres vorstellen, als die riesengroßen Windräder, die jetzt im Eiltempo im Reinhardswald errichtet werden, und das Landschaftsbild verändern. Für uns jedoch besteht kein Zweifel daran, dass dies das kleinere Übel ist, wenn wir auf unseren Wegen die stillgelegten Kernkraftwerke von Würgassen oder Grohnde erblicken müssen. Wären sie noch in Betrieb, dann benötigten sie Kühlwasser aus der Weser, was zu einer fatalen Erwärmung und damit zu einer noch größeren Algenbildung und Artensterben führen würde, abgesehen von den fatalen Risiken, die in Tschernobyl oder Fukushima zutage traten. 

Bleiben Sie einmal stehen und zählen Sie zehn Umdrehungen eines großen Windrades ab, damit hätten Sie in etwa die Batterie eines E-Autos aufgeladen! Diese Rechnung finden wir durchaus tröstlich. Wir wissen indes, dass sich hier die Geister voneinander scheiden. Manche Politikerinnen sprechen auch von „Windrädern der Schande“, die es niederzureißen gilt. Immerhin lassen sich Windräder problemloser zurückbauen als Atomkraftwerke, wie wir an der Oberweser beobachten können.

Das Weserbergland ist wunderschön, für uns die schönste Landschaft der Welt. Sie ist allerdings dort am schönsten, wo wir sie aus einer Perspektive der Weite betrachten können. Schön sind die Aussichten vom Oberwälder Land im Kreis Höxter auf den Solling im Kreis Holzminden. Ebenso schön ist es von den Aussichtstürmen des Sollings auf die Westseite des Weserberglandes zu blicken, zum Beispiel auf die Ottensteiner Hochebene.

Je näher wir aber dem Weichbild der Orte und Besiedelungen kommen, desto mehr erkennen wir Verwundungen und Hässlichkeiten, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Die Ortschaften sind an sich schön, wenn wir sie in ihrer ursprünglichen Historizität betrachten und ihren Mittelpunkt heimsuchen, den grundsätzlich die Kirche bildet. Doch in sich wirken die Orte nicht schön. 

Viele Häuser stehen leer und verfallen da. Viele von ihnen haben asbestverseuchte Fassaden, deren Sanierung schlichtweg zu teuer ist. Viele Häuser stehen zum Verkauf, aber die Eigentümer verlangen zu viel Geld dafür, so dass für eine Familie ein Kauf nicht in Frage kommt. Und wozu sollte man auf ein Dorf ziehen, wo es weder Arzt, Laden noch Schule gibt? In den Dörfern sind Kaufmannsläden, Wirtshäuser, ein eigener Landarzt oder Pastor die Ausnahme. Die Gründe dafür sind hinreichend bekannt, und lassen sich in einen Satz zusammenfassen: „Es rechnet sich eben nicht mehr...“

Dieser Verfall hat nun auch die Klein- und Mittelstädte erreicht. Der Leerstand der Innenstädte ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel im Weserbergland, sowohl links als auch rechts der Weser. An den Ortsrändern, meist an einem Verkehrskreisel gelegen, finden wir stattdessen die bekannten Lebensmitteldiscounter, inclusive Backshop einer großen Bäckereikette und dem großzügigen Parkplatz. Auf diesem stehen nicht selten Wagen mit „Ede's-Echt-Thüringer-Bratwurst“ samt passendem Autokennzeichen. Während die Ortskerne um die Kirche verfallen, sind hier die neuen Marktplätze und Treffpunkte entstanden, doch ihre Architektur offenbart sich als vorläufig und kaum nachhaltig, eher wie ein Container-Ensemble, das bei Bedarf schnell abgebaut werden kann, wenn es sich eben nicht mehr rechnen wird... Warum verfallen unsere Dörfer und Kleinstädte? Warum wandert der Einzelhandel ab? Eine mögliche Antwort darauf ist sicherlich auch das riesige Logistik-Zentrum eines globalen Internetanbieters auf dem freien Feld zwischen Ostwestfalen und Lippe, nahe Steinheim.

Im niedersächsischen Teil des Weserberglandes ist derzeit Wahlkampf, denn am 13. September 2026 finden dort Kommunalwahlen statt. Zunächst einmal ist es erfreulich festzustellen, dass es noch Menschen gibt, die sich in politischen Parteien oder Wählergruppen für ihre Heimat engagieren und vor Ort Verantwortung übernehmen wollen. Doch bei allem Respekt: Uns fällt es schwer, an ihre Konzepte, mit denen sie ihre Orte wieder mit Leben erfüllen wollen, zu glauben. Warum? Weil wir in diesen Programmen nur die Behandlung der Symptome wahrnehmen, nicht aber eine Analyse der Ursachen.

Weder die Erforschung der Ursachen noch die daraus folgende Entwicklung neuer politischer und ökonomischer Konzepte ist so einfach wie die simple Aussage, dass alles gut wird, wenn frau/ man ihr/ sein Kreuz an der richtigen Stelle macht. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Entwicklung regionaler Konzepte für einen neuen ökonomischen und politischen Aufbruch nur durch globales Denken bewirkt werden kann. 

Dieser Entwicklungsprozess ist aus unserer Sicht lebensnotwendig und in der Tat wesentlich komplexer, als es der Bau einer Mondrakete gewesen ist. Es geht darum zu akzeptieren, dass eine Ökonomie, die allein auf Wachstum basiert, nicht mehr funktioniert und auch nicht dazu in der Lage ist, es Menschen zu ermöglichen, vor Ort in überschaubaren ökonomischen und politischen Verhältnissen zu bleiben. 

Wir brauchen eine nachhaltige Ökonomie, die das ermöglicht, was die katholische Soziallehre mit den Prinzipien der Subsidiarität (die kleinste Einheit verwaltet sich grundsätzlich selbst) und Solidarität (die stärkere Einheit unterstützt die schwächere) beschreibt. Hier geht es nicht um eine systemimmanente Umgestaltung der sog. freien Marktwirtschaft, sondern um ein zutiefst notwendiges neues philosophisches und theologisches Ringen um den Schutz dessen, was Prinzip und Fundament unseres Rechtsstaates ist: Die unantastbare Würde des Menschen.

Diese Frage besitzt den Primat vor dem weit verbreiteten Credo, dass nur ein Mehr an Konsum unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen kann. Wir betonen noch einmal: Hier geht es nicht um etwas Kosmetisches, sondern um das Grundsätzliche. Dieses Grundsätzliche betrifft aber nicht nur das Weserbergland oder die reiche Nordhalbkugel, sondern unseren gesamten Globus. 

In unseren Dörfern und Städten sollten wir deshalb an deren Ursprung zurückkehren, und zwar ganz konkret! In deren Mitte befindet sich nach wie vor grundsätzlich die Kirche und darum bildeten sich – wie zwei Jahresringe eines Baumes – zwei zentrale Orte: Der Kirchhof, auf dem die Toten bestattet wurden und dann der Marktplatz, auf dem "Handel und Wandel" stattfand.

Selbstverständlich ist der Mensch von Anfang an immer auch „homo oeconomicus“, aber er muss sich immer bewusst sein, dass er sterben wird und einmal ganz nackt, in seiner geschöpflichen Einfachheit vor Gott zu erscheinen hat. Das jedenfalls haben unsere Altvorderen geglaubt und so haben sie auch ihre Dörfer und Städte konstruiert. 

Wenn wir nicht vor dem Hintergrund dieser Tradition versuchen in die Zukunft aufzubrechen, brauchen wir diese Form der Städte und Dörfer nicht mehr. Wir werden schließlich und endlich in seelenlosen Metropolen subsistieren, und diejenigen, die es sich leisten können, haben ihr privates Fleckchen Erde auf dem Land und lassen sich bisweilen hier und da als Stifterinnen und Stifter von ein paar Freilicht-Museen feiern, in denen man Dörfer, wie sie früher einmal gewesen sein sollen, bestaunen kann. 

Der Weserberglander ist auf der Suche nach einer anderen Zukunft!

UTGH