15 Feb
15Feb

Das Kloster Bursfelde an der Oberweser war im Spätmittelalter ein geistliches Zentrum für den Benediktinerorden. Wie kam es dazu?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Stiftung dieses Klosters im Jahr 1093 durch den Grafen Heinrich von Northeim und seiner Frau Gertrud in dieser Zeit - auch für den Adel in der zweiten Riege - ein durchaus normaler Vorgang war. Die Stiftung eines Klosters war eine grundlegende Investition, von der sich die Stifter ganz handfeste Vorteile versprachen. 

Die wichtigste Gegenleistung an die Stifter war das Gebet der Mönche oder Nonnen für die Lebenden und die Toten der Stifterfamilie. Dies war für die Menschen des Mittelalters mindestens so wichtig wie heute Altersversorgung, Kranken- und Pflegeversicherung. Die vier letzten Dinge – Tod, Gericht, Hölle und Himmel – waren für die Menschen damals reale Tatsachen. Die Menschen glaubten nicht zuerst an einen lieben, sondern an einen gerechten, aber zugleich strengen Richter. 

Heute mag das anders sein. Die meisten von uns akzeptieren allenfalls nur noch den Tod als reale Tatsache. Manche hoffen durch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz irgendwann auch dem Tod entgehen zu können. 

Die ersten Mönche kamen von der Benediktiner-Abtei Corvey weseraufwärts nach Bursfelde. Sie waren daher bereits mit der Gegend, der Sprache und dem Leben am Weser-Fluss vertraut. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Mönche Corvey gerne verließen, weil sie ein einsameres und strengeres mönchisches Leben suchten, was vielleicht zu dieser Zeit im Betrieb der bereits gut 250 Jahre existitierenden Reichsabtei Corvey nicht mehr so gut möglich war. Sie wollten weg vom lauten Zentrum an die stille Peripherie.

Seit Beginn des benediktinischen Mönchtums im 6. Jahrhundert bildeten sich nach und nach drei Typen von Benediktiner-Klöstern heraus: Das "Kultkloster", in dem wie in dem berühmten Kloster von Cluny das liturgische Leben im Mittelpunkt stand. Ein weiterer Typ war das "Kulturkloster", in dem es – in der Regel vom politischen Herrscher gewollt – um die Kultivierung einer Landschaft ging; dazu würde das von Ludwig dem Frommen gegründete Kloster Corvey zählen. Ein dritter Typ ist schließlich das "Einsamkeitskloster", zu dem Bursfelde gezählt werden kann. (Vgl. Pius Engelbert, Die Bursfelder Kongregation, in: Thomas Kaufmann und Rüdiger Krause (Hgg.), 925 Jahre Bursfelde. 40 Jahre Geistliches Zentrum Bursfelde, Göttingen 2020, 83-101, dort weitere Literaturangaben!)

Für die These, dass Bursfelde der Kategorie des Einsamkeitsklosters zugerechnet werden kann, spricht vor allem die Tatsache, dass wir aus den ersten 300 Jahren der Geschichte des Klosters Bursfelde kaum etwas Nennenswertes berichten können. Bursfelde war also ein Kloster in der Einsamkeit, fernab des politischen oder ökonomischen Mainstreams.

Natürlich war ein Kloster immer gefährdet, so auch das Kloster Bursfelde. Deshalb wurde zu seinem Schutz im Bramwald auch die Bramburg errichtet, die vor allem den Weserlauf bewachen und so eine Sicherungsfunktion ausüben sollte. Die bittere Ironie der Geschichte hat dazu geführt, dass diese Burg schließlich durch Missbrauch zu einem "Raubritternest" degenerierte und deshalb Mitte des 15. Jahrhunderts von umliegenden Fürsten geschliffen wurde.

Ritter- und Mönchtum waren zwei unterschiedliche Seiten derselben Münze. Beiden Ständen ging es darum, einen gottgefälligen Dienst zu verrichten. Insofern korrespondierten sicherlich auch der Verfall von Ritter- und Mönchtum miteinander, das hatte etwas mit der sich bereits im 12. Jahrhundert rasant verändernden Zeit zu tun. 

Es entstanden Städte (so beispielsweise auch weseraufwärts Hannoversch Münden), in denen sich nach und nach ein wirtschaftlich führendes Bürgertum als elitäres Stadtpatriziat etablierte. Geld und nicht mehr allein Grund und Boden wurde das Mittel der Werttaxierung, so dass das Hinterland buchstäblich ins Hintertreffen geriet. In den Städten etablierte sich an den nach und nach entstehenden Universitäten ein neues theologisches Denken. Dies war die scholastische Methode, mit deren monumentalen Theologischen Summen und Spitzfindigkeiten (Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze?), welche die Theologie bis ins 20. Jahrhundert hinein beeinflussten. 

Die Mönche hingegen interessierten sich kaum dafür und hielten an ihrer überkommenen monastischen Theologie fest. Diese bezog sich im Wesentlichen auf die Bibel und Texte der Kirchenväter. (Interessanterweise dem lutherischen "Sola scriptura" -"Allein die Schrift" nicht unähnlich!)

Die neu entstehende mittelalterliche Stadt war in der Regel auch nicht mehr der Ort, an dem sich Benediktinerklöster etablierten oder halten konnten. Bereits vorhandene Klöster wurden in den rasch wachsenden Städten in weltliche Kanoniker-Stifte umgewandelt, so wie es zum Beispiel bereits im 11. Jahrhundert in Hameln geschah. Die aufstrebende mittelalterliche Stadt evozierte neue Formen des geistlichen Lebens, wie die Bettelorden der Franziskaner oder Dominikaner, deren Mitglieder auch zu den bedeutendsten Protagonisten der scholastischen Theologie wurden.

Hinzu kam bereits im frühen Mittelalter noch ein schwerwiegender Missbrauch, der viele Klöster schleichend dem Verfall entgegenführte. Adelige Familien bemühten sich erfolgreich darum, ihre nachgeborenen Kinder in Klöstern als Äbte oder Äbtissinnen unterzubringen, zum einen, um teure Mitgiften zu sparen, zum anderen, um so politischen Einfluss auf klösterliche Territorien zu gewinnen. Oft geschah dies auch durch Geldleistungen an die Klöster oder schlicht und einfach durch Bestechung oder unverhohlene Bedrohung von Konventsmitgliedern. Nicht wenige Konvente wählten jedoch freiwillig und einvernehmlich ein adeliges Mitglied zum Abt oder zur Äbtissin in der Hoffnung, so Macht, Ansehen und Reichtum des eigenen Klosters zu vergrößern.

Damit waren zwei entscheidende Grundpfeiler der Benediktsregel nahezu ausgehebelt, nämlich die freie Wahl einer Äbtissin oder eines Abtes und die Tatsache, dass Nonne oder Mönch eigentlich nur eine Person werden konnte, die ernsthaft damit begonnen hatte, Gott zu suchen. Stattdessen wurden nun viele Klöster von Männern und Frauen geführt, die weder ein Interesse noch eine Berufung für ein Leben nach der Benediktsregel hatten. Auf diese Weise wurde das monastische Leben schließlich so sehr untergraben, dass es dem Generalangriff Luthers, den dieser 1521 mit seiner Schrift "De votis monasticis" - "Über die Mönchsgelübde" machte, nichts Konstruktives entgegenzusetzen hatte. (Vgl. a.a.O., 96.)

Doch bevor sich die Klöster in den Gebieten, in denen die lutherische Reformation im 16. Jahrhundert Erfolg hatte, nach und nach auflösten, gab es erfolgreiche Reformen des klösterlichen Lebens, und hier begann die Hochzeit des Klosters Bursfelde. 1433 wurde Johannes Dederoth Abt von Bursfelde. Er hatte in Erfurt Theologie studiert. In Italien kam Dederoth mit der benediktinischen Reformbewegung in Berührung, die ihn so begeistert haben musste, dass er fortan zu einem wichtigen Reformer des benediktinischen Lebens werden sollte. Er reiste u.a. nach Trier und schmiedete Allianzen mit anderen Äbten. Dederoths Netzwerke und Ideen waren so gut, dass diese die Pest überlebten, an der er selbst 1439 verstarb. Sein Nachfolger, Johannes Hagen, war wie Dederoth ein Überzeugungstäter, dem es nicht um persönliche Macht und Prestige, sondern um die Sache, die Reform des klösterlichen Lebens ging. War Dederoth der Vordenker der Reform, so war Hagen ihr Organisator. Bis zu seinem Tod gelang es Johannes Hagen, von Bursfelde aus die Reform in 44 Klöstern einzuführen. Das einsam-periphere Bursfelde wurde so zum Zentrum einer rasanten Reformbewegung, der Bursfelder Kongregation. 1461 beauftragte Papst Pius II. diese Kongregation mit der Reformierung aller deutschen Benediktinerklöster. Im Jahr 1500 zählte die Bursfelder Kongregation 79 Mitgliedsklöster, in den nächsten 30 Jahren sollten es 95 Klöster werden.

Diese Zahlen sprechen für die Attraktivität der Reform, wahrscheinlich, weil sie für die Klöster, die sich dieser Bewegung anschlossen, eine Befreiung war. Worum ging es bei der Reform?Die Macht des Abtes wurde eingedämmt und der Kontrolle der Kongregation unterworfen, um jegliche Macht-Missbräuche zu bekämpfen. (Das Thema Missbrauch ist in der Kirche offenbar nicht neu!) Zugleich wurde der "Dachverband" der Bursfelder Kongregation zu einer starken Lobby, welche die einzelnen Klöster gegenüber weltlichen Machthabern schützte. 

Wie sah der Alltag in einem Kloster der Bursfelder Reformkongregation aus? Der Tag war komplett durchgetaktet, wie wir heute sagen würden, aber nicht mit hektischer Geschäftigkeit und Termindruck, sondern mit einer Struktur von Schlaf, Gebet, Arbeit und Schriftlesung. Begriffe wie "Achtsamkeit", "Nachhaltigkeit", "Stille", "Schweigen" oder "Fasten", die heute wieder innerhalb und außerhalb kirchlicher Kontexte in vieler Munde sind, wurden hier einfach gelebt, allerdings mit einem grundsätzlichen Unterschied zu heute: Diese Kategorien dienten der Gottessuche und nicht der eigenen Selbstoptimierung. 

Der Tag begann bereits um Mitternacht mit dem gut zweistündigen Beten von biblischen Texten in der dunklen Klosterkirche. Danach legten sich die Mönche wieder bis fünf Uhr zur Ruhe. Dann folgten wiederum Gebet, Meditation und die Feier der Heiligen Messe. Anschließend begann der Arbeitsalltag auf dem Feld, im Garten, im Stall und den Werkstätten oder mit dem Abschreiben von Büchern. Meist wurde erst am späten Vormittag die erste Mahlzeit eingenommen, zuvor und danach wurde jeweils gebetet. Nach einer kurzen Mittagspause ging es wieder an die Arbeit. Es folgte das lange Abendgebet, ein kleines Abendessen und schließlich das Nachtgebet. Gegen neunzehn Uhr legten sich die Mönche wieder zur Ruhe, damit sie um kurz vor Mitternacht zum Gebet des neuen Tages aufstehen konnten. Wie konnte ein solches Leben ausgehalten werden.? Wir sehen zwei Gründe: Zum einen motivierte der ewige Lohn für ein hart reguliertes Leben, zum anderen war die Lebenserwartung im späten Mittelalter nicht hoch. (Wir verzichten hier bewusst auf Statistiken.) Der jähe Tod war ständiger und akzeptierter Begleiter.

Ein durchreisender Mönch aus Österreich schrieb 1457: „Ein einsamer Ort, ringsum von Wäldern umgeben, am Ufer eines schiffbaren Flusses gelegen, der Weser heißt, wo es gute Fische gibt, große Forellen, die man Salme nennt und Aale. Dazu sind bei dem Kloster noch vier Fischteiche. Es gibt hier auch guten Ziegenkäse. Ich habe sogar, wenn auch nur mit Mühe, das Biertrinken gelernt. Man kennt hier zwar auch Wein, aber nur für die Messe. Die wirtschaftliche Grundlage ist ärmlich, die Bauten primitiv. Was Dotation und Gebäude angeht, kenne ich in ganz Österreich kein Kloster, das merklich schlechter dran ist und keines mit besserer Disziplin.“ (a.a.O., 90.)

Als Folge der Reformation hörte Bursfelde 1602 auf als Benediktinerkloster zu existieren. Da Bursfelde von zwei protestantischen Territorien umschlossen war, hatte es keine Chance als katholische Mönchsgemeinschaft zu überleben. Im Dreißigjährigen Krieg gab es erfolglose Versuche einer Rekatholisierung. Bis 1803 aber existierte noch der Titel „Bursfelder Kongregation“ für die zu dieser Zeit noch bestehenden Klöster, die sich dem Reformideal von Bursfelde angeschlossen hatten. (a.a.O., 96 f.)

Wenn wir ein wenig von dem Turm der ehemaligen zerstörten Bramburg empor wandern, erreichen wir eine Anhöhe, von der aus man einen wundervollen Blick auf die Weser und das Kloster Bursfelde hat. Für den Weserberglander ist dies einer der schönsten Ausblicke überhaupt. 

Die Bramburg und das Rittertum haben sich in der Geschichte erledigt, abgesehen davon, dass es Adelige gibt, die den Titel eines Ritters führen, oder Päpste oder andere Monarchen diese Titel auch heute noch verleihen. Das Kloster Bursfelde hat sich als Mönchskloster ebenfalls erledigt. Gleichwohl ist es nach wie vor ein Ort, an dem Menschen in die Stille gehen, beten und Gemeinschaft erfahren können. Ob dieser Tagungsbetrieb zukunftsfähig ist, wird sich zeigen. Fakt aber ist, dass Bursfelde längst nicht mehr von einer Mönchgemeinschaft getragen wird, sondern von einem zeitgenössischen Tagungshaus mit Pilgerherberge in kirchlicher Trägerschaft, wo der Fremde nicht wirklich weiß, wo und ob er anklingeln darf.

Sehr anachronistisch und aus unserer Sicht weder mit der Benediktsregel noch dem Denken Luthers zu vereinbaren ist die Tatsache, dass es noch immer einen "Abt von Bursfelde" gibt. Dieser Titel wird traditionell an einen Professor der Göttinger Evangelischen Theologischen Fakultät vergeben. Es sei erlaubt zu fragen: "Cui bono?" - Wem zum Vorteil? 

Übrigens sind auch die meisten katholischen Klöster, in denen heute noch eine Gemeinschaft lebt, mehr oder weniger von den von ihnen betriebenen Tagungshäusern abhängig. Damit hängen sie am Tropf des Systems der Kirchensteuer, weil nämlich die Kirchen selbst die besten Wohlstands-Kunden dieser klösterlichen Tagungshäuser sind. Regelmäßig schicken sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Aus- und Fortbildungsmaßnahmen in solche klösterlichen Gästehäuser, in denen umfangreiche "Wohlfühl-Pakete" feilgeboten werden. Insbesondere die jüngste Pandemie hat deutlich gemacht, dass dieses Geschäftsmodell doch erhebliche Grenzen hat. 

Eine weitere wichtige Einnahmequelle in vielen derzeit noch existierenden Klöstern ist der "Klosterladen", in dem größtenteils Produkte (u.a. Wein, Likör, Bärlauchessig, Kerzen, Kräuterseife, Bücher von Anselm Grün oder Margot Kässmann) angeboten werden, die augenscheinlich kaum im jeweiligen Kloster vor Ort produziert worden sind.

Natürlich spielt der Gast in der Benediktsregel eine wichtige Rolle. (Vgl. Die Benediktsregel, Lateinisch/ Deutsch, herausgegeben im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, 6. Auflage, Beuron 2020, 231-235 kurz: RB 53, 1-24.) Dennoch ist das Kloster nicht zuerst als Gästebetrieb gedacht, sondern als eine betende Lebens- und Gütergemeinschaft, die sich selbst trägt und so stark genug ist, auch Gäste zu ertragen. 

Wo könnte heute eine neue Reform des benediktinischen Lebens ansetzen? 

Klöster müssten in Zukunft wieder als nachhaltige Betriebe erkennbar sein, die sich selbst tragen können. 

Klöster sollten auch Zufluchtsorte sein, eben "Einsamkeitsklöster", in denen ein selbstkritischer und asketischer Umgang mit jeder Form von Digitalität gepflegt wird. Eine Askese, die auch von den Gästen mitgetragen würde, weil sich das Kloster in einem gewollten Funkloch befindet und kein WLAN anbietet. 

Das Kloster der Zukunft müsste demnach aus unserer Sicht ein Ort DIGITALER ENTGIFTUNG, ANALOGER ZEITERFAHRUNG und NATÜRLICHER INTELLIGENZ sein.

Von der Anhöhe der Bramburg aus spüren wir das kontemplative Momentum, den zutiefst beschaulichen Moment, der vom ehemaligen Kloster Bursfelde zusammen mit dem ruhig dahingleitenden Weser-Strom ersteht. Es ist so, als könnte man hier oben die Stille sehen. 

Es lohnt sich, immer wieder an diesen außerordentlichen Ort zu kommen, die Stille zu betrachten und darüber nachzudenken, was ein Kloster für die Welt von heute und morgen sein könnte oder müsste.

UTGH