10 Feb
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Das Kloster Bursfelde an der Oberweser war im Spätmittelalter ein geistliches Zentrum für den Benediktinerorden. Wie kam es dazu?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Stiftung dieses Klosters im Jahr 1093 durch den Grafen Heinrich von Northeim und seiner Frau Gertrud in dieser Zeit - auch für den Adel in der zweiten Riege - ein durchaus normaler Vorgang war. Die Stiftung eines Klosters war eine grundlegende Investition, von der sich die Stifter ganz handfeste natürliche und übernatürliche Vorteile versprachen. Diese Investition bestand vor allem darin, ein Kloster mit Grund und Boden auszustatten, das war die Währung des Mittelalters. 

Übermäßig reich war Bursfelde nicht, aber immerhin gab es einen Klosterbezirk, der wohl eine Länge von 10 km aufwies. In diesem Bereich gehörten alle Felder, Wiesen und Wälder, die Fischereichrechte, das Fährrecht an der Weser sowie Holzrechte im Reinhardswald vom Kloster aus links der Weser gelegen. Hinzu kamen auch auswärtige Besitzungen bis ins Eichsfeld.

Das Kloster war als Grablege des Stifterpaares vorgesehen, ein Grab zumal, das von einer Klosterkirche umschlossen war, in der durch eine Mönchs- oder Nonnengemeinschaft unablässig gebetet und das Heilige Abendmahl, die Eucharistie, gefeiert wurde und das auch regelmäßig für das Seelenheil der Stifter. 

Das Gebet für die Toten war für die Menschen des Mittelalters mindestens so wichtig wie heute Altersversorgung, Kranken- und Pflegeversicherung. Die vier letzten Dinge – Tod, Gericht, Hölle und Himmel – waren für die Menschen damals reale Tatsachen. Die Menschen glaubten nicht zuerst an einen lieben, sondern an einen gerechten, aber zugleich strengen Richter. Eine gute nachhaltige Tat in Form von einer Klosterstiftung wurde in Hinblick auf das Ewige Heil der unsterblichen Seele als hilfreich angesehen. Heute mag das anders sein. Die meisten von uns akzeptieren allenfalls nur noch den Tod als reale Tatsache. Manche zweifeln mittlerweile auch daran, und erhoffen, durch die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz irgendwann auch dem Tod entgehen zu können. 

Es gab auch ganz natürliche Vorteile einer solchen Stiftung. Die Grafen von Northeim investierten mit dieser Stiftung zugleich in die Infrastruktur ihres Herrschaftsgebietes. Mönche oder Nonnen brachten etwas Entscheidendes mit: Wissen. Mit diesem Wissen wurden Klöster zu Orten der Bildung, der Forschung, der Heilkunde und der lokalen Wirtschaftsförderung.

Die ersten Mönche kamen von der Benediktiner-Abtei Corvey weseraufwärts nach Bursfelde. Sie waren daher bereits mit der Gegend, der Sprache und dem Leben am Weser-Fluss vertraut. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Mönche Corvey gerne verließen, weil sie ein einsameres und strengeres mönchisches Leben suchten, was vielleicht zu dieser Zeit im Betrieb der großen Reichsabtei von Corvey nicht mehr so gut möglich war. Sie wollten weg vom lauten Zentrum an die stille Peripherie.

Der Benediktinerabt Pius Engelbert beschreibt diese Entwicklung, bezugnehmend auf den Benediktiner und Ordenshistoriker Stephan Hilpisch, so: Es bildeten sich drei Typen von Benediktiner-Klöstern heraus: Das „Kultkloster“, in dem wie in dem berühmten Kloster von Cluny das liturgische Leben im Mittelpunkt stand. Eine weiterer Typ war das „Kulturkloster“, in dem es – in der Regel vom politischen Herrscher gewollt – um die Kultivierung einer Landschaft ging; dazu würde das von Ludwig dem Frommen gegründete Kloster Corvey zählen. Ein dritter Typ ist schließlich das „Einsamkeitskloster“, zu dem Bursfelde gezählt werden kann. (Vgl. Pius Engelbert, Die Bursfelder Kongregation, in: Thomas Kaufmann und Rüdiger Krause (Hgg.), 925 Jahre Bursfelde. 40 Jahre Geistliches Zentrum Bursfelde, Göttingen 2020, 83-101, dort weitere Literaturangaben!)

Für die These, dass Bursfelde der Kategorie des Einsamkeitsklosters zugerechnet werden kann, spricht vor allem die Tatsache, dass wir aus den ersten 300 Jahren der Geschichte des Klosters Bursfelde kaum etwas Nennenswertes berichten können. Bursfelde war also ein Kloster in der Einsamkeit, in der eine Gemeinschaft vielleicht auch mit Hilfe von wenigen Bediensteten, halb- oder unfreien Bauern, die zum Kloster gehörten, aber selbst keine Mönche waren, ganz im Sinne der Benediktsregel als Gebets- und Gütergemeinschaft von seiner Hände Arbeit und dem Ertrag der Ländereien leben konnte.

Natürlich war ein Kloster immer gefährdet, so auch das Kloster Bursfelde. Deshalb wurde zu seinem Schutz im Bramwald auch die Bramburg errichtet, die vor allem den Weserlauf bewachen und so eine Sicherungsfunktion ausüben sollte. Die bittere Ironie der Geschichte hat dazu geführt, dass diese Burg schließlich durch den Missbrauch der Lehnsnehmer zu einem Raubritternest degeneriert und deshalb Mitte des 15. Jahrhunderts von umliegenden Fürsten geschliffen wurde.

Ritter und Mönchtum waren zwei unterschiedliche Seiten derselben Münze. Beiden Ständen ging es darum, einen gottgefälligen Dienst zu verrichten. Insofern korrespondierten sicherlich auch der Verfall von Ritter- und Mönchtum miteinander, das hatte etwas mit der sich bereits im 12. Jahrhundert rasant verändernden Zeit zu tun. Es entstanden Städte (so auch weseraufwärts Hannoversch Münden), in denen sich nach und nach ein wirtschaftlich führendes Bürgertum als elitäres Stadtpatriziat etablierte. Geld, und nicht mehr allein Grund und Boden, wurde das Mittel der Werttaxierung, so dass das Hinterland buchstäblich ins Hintertreffen geriet.

In den Städten etablierte sich an den nach und nach entstehenden Universitäten ein neues theologisches Denken. Dies war die scholastische Methode, mit deren monumentalen Theologischen Summen, welche die Theologie bis ins 20. Jahrhundert hinein beeinflussten. Die Mönche hingegen interessierten sich kaum dafür und hielten an ihrer überkommenen monastischen Theologie fest. Diese bezog sich im wesentlichen auf die Bibel und Texte der Kirchenväter. 

Die neu entstehende mittelalterliche Stadt war in der Regel auch nicht der Ort, in denen sich Benediktinerklöster etablierten. Bereits vorhandene Klöster wurden in den rasch wachsenden Städten in weltliche Kanonikerstifte umgewandelt, so wie zum Beispiel in Hameln, bereits im 11. Jahrhundert. Die aufstrebende mittelalterliche Stadt evozierte neue Formen des geistlichen Lebens, wie die Bettelorden der Franziskaner oder Dominikaner, deren Mitglieder auch zu den bedeutendsten Protagonisten der scholastischen Theologie wurden.

Hinzu kam bereits im frühen Mittelalter noch ein schwerwiegenderer Missbrauch, der viele Klöster schleichend dem Verfall entgegenführte. Adelige Familien bemühten sich erfolgreich darum, ihre nachgeborenen Kinder in Klöstern als Äbte oder Äbtissinnen unterzubringen, um teure Mitgiften zu sparen, zum anderen, um so politischen Einfluss auf klösterliche Territorien zu gewinnen. Oft geschah dies auch durch Geldleistungen an die Klöster oder schlicht und einfach durch Bestechung oder unverhohlene Bedrohung von Konventsmitgliedern. Nicht wenige Konvente wählten freiwillig und einvernehmlich ein adeliges Mitglied zum Abt oder zur Äbtissin in der Hoffnung, so Macht, Ansehen und Reichtum des eigenen Klosters zu vergrößern.

Damit waren zwei entscheidende Grundpfeiler der Benediktsregel nahezu ausgehebelt, nämlich die freie Wahl einer Äbtissin oder eines Abtes und die Tatsache, dass Nonne oder Mönch eigentlich nur eine Person werden konnte, die ernsthaft damit begonnen hatte, Gott zu suchen. Stattdessen wurden nun viele Klöstern von Männern und Frauen geführt, die weder ein Interesse noch eine Berufung für ein Leben nach der Benediktsregel hatten. Damit wurde das monastische Leben schließlich so sehr untergraben, dass es dem Generalangriff Luthers, den dieser 1521 mit seiner Schrift „De votis monasticis“ machte, nichts Konstruktives entgegenzusetzen hatte. (Vgl. a.a.O., 96)

Doch bevor sich die Klöster in den Gebieten, in denen die lutherische Reformation im 16. Jahrhundert Erfolg hatte, nach und nach auflösten, gab es erfolgreiche Reformen des klösterlichen Lebens, und hier begann die Hochzeit des Klosters Bursfelde. 1433 wurde Johannes Dederoth Abt von Bursfelde. Er hatte in Erfurt Theologie studiert und trat dann in die Abtei St. Blasius in Northeim ein und wurde dort bald zum Ausbildungsleiter (Novizenmeister) ernannt. Aus Gründen, die wir nicht kennen, gab es einen Streit zwischen dem Abt und dem Konvent in Northeim. Johannes wurde deshalb nach Rom entsandt, um diesen Streit durch die Päpstliche Kurie schlichten zu lassen. In Italien kam Dederoth mit der benediktinischen Reformbewegung in Berührung, die ihn so begeistert haben musste, dass er fortan zu einem wichtigen Reformer des benediktinischen Lebens werden sollte. 

Er kam voller Reformeifer und Elan nach Northeim zurück, aber seine Mitbrüder wollten von seinen Reformideen nichts wissen. Doch der Erbe der Stifter des Klosters von Bursfelde, Herzog Otto von Braunschweig-Göttingen, wurde auf ihn aufmerksam und sorgte schließlich dafür, dass dieser Abt von Bursfelde wurde. (Damit wird wieder einmal der Beweis erbracht, dass die Regel durch die Ausnahme bestätigt wird. Herzog Otto von Braunschweig-Göttingen hatte offenbar ein geistliches Interesse am Kloster Bursfelde.)

Abt Johannes Dederoth tat das, was auch heute nach wie vor unabdingbar ist, wenn eine Idee verwirklichst werden soll: Netzwerken. Das war damals wesentlich aufwendiger als heute, aber vielleicht effektiver. Er reiste nach u.a. Trier und schmiedete Allianzen mit anderen Äbten. Dederoths Netzwerke waren so gut, dass seine Reformideen die Pest überlebten, an der er selbst 1439 verstarb. An Dederoths Sterbebett erbaten seine Mönche von ihm den Rat, wen sie zu seinem Nachfolger wählen sollten, und er benannte seinen Novizen Johannes Hagen, der vor seinem Eintritt in Bursfelde Stiftsherr in Hildesheim war. 

Johannes Hagen war wie sein Vorgänger Johannes Dederoth ein Überzeugungstäter, dem es nicht um persönliche Macht und Prestige, sondern um die Sache, die Reform des klösterlichen Lebens ging. War Dederoth der Vordenker der Reform, so war Hagen ihr Organisator. Bis zu seinem Tod gelang es Johannes Hagen, die Reform in 44 Klöstern einzuführen. Das einsame Bursfelde wurde so zum Zentrum einer rasanten Reformbewegung, der Bursfelder Kongregation. 1461 beauftragte Papst Pius II. diese Kongregation mit der Reformierung aller deutschen Benediktinerklöster. Im Jahr 1500 zählte die Bursfelder Kongregation 79 Mitgliedsklöster, in den nächsten 30 Jahren sollten es 95 Klöster werden.

Diese Zahlen sprechen für die Attraktivität der Reform, wahrscheinlich weil sie für die Klöster, die sich dieser Bewegung anschlossen, eine Befreiung war. Die Macht des Abtes wurde eingedämmt und der Kontrolle der Kongregation unterworfen, um jegliche Form von Missbräuchen zu bekämpfen. Zugleich wurde der "Dachverband" der Bursfelder Kongregation zu einer starken Lobby, welche die einzelnen Klöster gegenüber weltlichen Machthabern schützte. 

Wie sah der Alltag in Bursfelde aus? Der Tag war komplett durchgetaktet, wir wir heute sagen würden, aber nicht mit hektischer Geschäftigkeit und Termindruck, sondern mit einer Struktur von Schlaf, Gebet, Arbeit und Schriftlesung. Begriffe wie „Achtsamkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Stille, „Schweigen“ oder „Fasten“, die heute wieder innerhalb und außerhalb kirchlicher Kontexte in vieler Munde sind, wurden hier einfach gelebt, allerdings mit einem grundsätzlichen Unterschied zu heute: Diese Kategorien dienten der Gottsuche und nicht der eigenen Selbstoptimierung. 

Der Tag begann bereits um Mitternacht mit dem gut zweistündigen Beten von biblischen Texten in der dunklen Klosterkirche. Danach legten sich die Mönche wieder bis fünf Uhr zur Ruhe. Dann folgten wiederum Gebet, Meditation und die Feier der Heiligen Messe. Anschließend begann der Arbeitsalltag in auf dem Feld in Garten, Stall und Werkstätten oder mit dem Abschreiben von Büchern. Meist wurde am späten Vormittag die erste Mahlzeit eingenommen, zuvor und danach wurde jeweils gebetet. Nach einer kurzen Mittagspause ging es wieder an die Arbeit. Es folgte das lange Abendgebet, ein kleines Abendessen und schließlich das Nachtgebet. Gegen neunzehn Uhr legten sich die Mönche wieder zur Ruhe, damit sie um kurz vor Mitternacht zum Gebet des neuen Tages aufstehen konnten.

Ein durchreisender Mönch aus Österreich schrieb 1457: „Ein einsamer Ort, ringsum von Wäldern umgeben, am Ufer eines schiffbaren Flusses gelegen, der Weser heißt, wo es gute Fische gibt, große Forellen, die man Salme nennt und Aale. Dazu sind bei dem Kloster noch vier Fischteiche. Es git hier auch guten Ziegenkäse. Ich habe sogar, wenn auch nur mit Mühe, das Biertrinken gelernt. Man kennt hier zwar auch Wein, aber nur für die Messe. Die wirtschaftliche Grundlage ist ärmlich, die Bauten primitiv. Was Dotation und Gebäude angeht, kenne ich in ganz Österreich kein Kloster, das merklich schlechter dran ist und keines mit besserer Disziplin.“ (a.a.O., 90.)

Als Folge der Reformation hörte Bursfelde 1602 auf als Benediktinerkloster zu existieren. Im Dreißigjährigen Krieg gab es erfolglose Versuche einer Rekatholisierung. Bis 1803 aber existierte noch der Titel „Bursfelder Kongregation“ für die zu dieser Zeit noch bestehenden Klöster, die sich dem Reformideal von Bursfelde angeschlossen hatten. (a.a.O., 96 f.)

Wenn wir ein wenig von dem Turm der ehemaligen zerstörten Bramburg empor wandern, erreichen wir eine Anhöhe, von der aus man einen wundervollen Blick auf die Weser und das Kloster Bursfelde hat. Für den Weserberglander ist dies einer der schönsten Ausblicke überhaupt. 

Die Bramburg und das Rittertum haben sich in der Geschichte erledigt, abgesehen davon, dass es Adelige gibt, die den Titel eines Ritters führen, oder Päpste oder andere Monarchen diese Titel auch heute noch verleihen. Das Kloster Bursfelde hat sich nicht erledigt. Es ist nach wie vor ein geistlicher Ort, an dem Menschen in die Stille gehen, beten und Gemeinschaft erfahren können.

Von der Anhöhe der Bramburg aus spüren wir das kontemplative Momentum, das vom Kloster Bursfelde zusammen mit dem ruhig dahingleiten Weser-Strom dahinzieht; es ist so, als könnte man hier oben die Stille hören. Es lohnt sich immer wieder an diesen außerordentlichen Ort zu kommen. In Bursfelde geschieht immer Begegnung, auch wenn man dort an Tagen - wie diesem Februartag heute - niemanden begegnet.

UTGH

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