In diesem Sommer ist es 470 Jahre her, dass in Bad Pyrmont das sogenannte „Wundergeläuf“ stattfand.
Was war passiert?
Plötzlich, wie aus dem Nichts, kamen mehrere 10.000 Menschen 1556/57 nach Pyrmont, weil sich die Nachricht verbreitete, dass das Wasser der dortigen Quelle alle Krankheiten heilen könne. Bisher wurde davon ausgegangen, dass es sich hierbei lediglich um ein regionales Phänomen handelte. Doch heute wissen wir mehr. Es war der Beginn einer Bewegung.

Dass es sich mit dem Pyrmonter Wundergeläuf um den Beginn eines neuen Trends handelte, verdanken wir der profunden, akribischen und sehr lesenswerten Forschungsarbeit des Theologen und Historikers, Hartmut Kühne.
In diesem Jahr ist seine aus zwei Teilbänden bestehende über 1.000 Seiten umfassende Studie über „Die lutherischen Wunderbrunnen. Studien zur Alltags- und Kulturgeschichte des Protestantismus im Alten Reich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Leipzig 2026“ erschienen.
Die Kunde vom „Pyrmonter Wundergeläuf“ konnte sich deshalb so schnell verbreiten, weil es seit der Erfindung des Buchdrucks die Möglichkeit gab, Flugschriften herauszugeben, die sich in Windeseile verbreiteten. Dieses neue Medium war auch ein entscheidender Faktor für die Verbreitung der theologischen Gedankengänge des Augustinermönchs Dr. Martin Luther und den Erfolg der Reformation im 16. Jahrhundert.
Dass es in Pyrmont Quellen gab, war schon zuvor bekannt. 1863 entdeckte man bei den beiden Hauptquellen von Pyrmont, dem Hylligen Born und dem Brodelbrunnen, antike Fundstücke, die dafür sprechen, dass diese Quellen schon in der Antike aufgesucht wurden, vielleicht von römischen Offizieren, die unter Umständen bei Lügde ein Militärlager betrieben hatten.

Darüberhinaus berichtet der Dominikanermönch, Heinrich von Herford, Mitte des 14. Jahrhunderts über den „Heiligen Brunnen“ und einen „Brodelbrunnen“. Nichtsdestotrotz ist das, was dann 1556/57 passiert, etwas völlig Neues.
Hartmut Kühne beweist stringent und ausführlich, dass Bad Pyrmont mit seinem Wundergeläuf in den Jahren 1556 und 1557 den Beginn einer komplexen und gleichermaßen faszinierenden Ära „Lutherischer Wunderbrunnen“ markiert (Kühne, 83-156).
Diese Ära beginnt mit den Ereignissen in Pyrmont, die so plötzlich enden, wie sie beginnen, bis dann kurz vor Ende des 30-Jährigen-Krieges 1646 der nahe Oschersleben gelegene Ort Hornhausen, den Kühne als das „lutherische Lourdes“ bezeichnet, zum Zentrum einer protestantischen Massen-Wallfahrt wird. Aber es bleibt nicht bei Pyrmont und Hornhausen. An vielen anderen Orten treten wundertätige Quellen zutage, so zuvor auch 1639 der Gesundbrunnen nahe Hofgeismar, am Fuße des südwestlichen Reinhardswaldes im Weserbergland. Insgesamt kann Kühne über 30 solcher Wunderbrunnen nachweisen.
Kühne macht deutlich, der Wunderglaube sei keine allein katholische Angelegenheit des vielzitierten finsteren Mittelalters, sondern auch eine neuzeitliche und damit auch protestantische Angelegenheit. Natürlich gab und gibt es hier ganz gravierende Unterschiede zu einem katholischen Wunderglauben, der nicht selten mit Visionen oder Auditionen von Seherinnen und Sehern einhergeht, die mit der Gottesmutter, anderen Heiligen oder mit der Berührung von Knochenresten (Reliquien) Heiliger oder der Eucharistie (Abendmahl) zu tun haben. Der Weserberglander konnte darüber bereits im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Wallfahrtsort Gottsbüren berichten.
Kühne belegt: Wunder konnte und wollte auch der frühe Protestantismus nicht ausschließen, weil darüber ja immer wieder in der Bibel berichtet wird und für Luther die Heilige Schrift (neben Glaube und Gnade) schlechthin der Referenzpunkt der protestantischen Dogmatik ist. Hinzukommt, dass das Wasser und die damit verbundenen Wunder in der Bibel eine wichtige Rolle spielen, sowohl im Alten Testament (2 Kön 5,10: Auf Geheiß des Propheten Elischa taucht der hohe syrische Beamte Naaman siebenmal in den Jordan ein und wird von seinem Aussatz geheilt), als auch im Neuen Testament (Joh 5, 2-9 und 9, 1-7: Heilungswunder Jesu an den Teichen Bethesta und Schiloach).

In Pyrmont war eine „protestantische Supervision“ des Wunders, die Kühne anhand der Analyse zahlreicher Flugschriften nachweisen konnte, besonders wichtig gewesen. Auch Philipp Melanchthon zeigte sich sehr interessiert an den Ereignissen von Pyrmont (vgl. Kühne, 121-125). Dies mag auch daran gelegen haben, dass um 1556 der Protestantismus in der Pyrmonter Grafschaft noch nicht durchgreifend etabliert war. Das hatte wahrscheinlich seinen Grund darin, dass Pyrmont aufgrund komplexer Herrschafts-, Erb- und Lehnsverhältnisse eine zweigeteilte Grafschaft war, dessen Demarkationen nach Ende des 30-Jährigen-Krieges auch die Konfessionsgrenze markierten und bis heute die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und NRW/ Lippe abbilden. In dieser Zeit der konfessionellen Auseinandersetzung wäre es fatal gewesen, die Deutungshoheit des Wundergeläufs zu Pyrmont den Katholiken zu überlassen.
Pyrmont war, wie gesagt; erst der Anfang. Kühne weist nach, dass „Wunderbrunnen … vom Beginn des 17. bis zum ersten Drittel des 18. Jahrhunderts … in den protestantischen … Territorien des Alten Reiches“ ein „weitverbreitetes Phänomen“ waren (Kühne, 643). Wunderbrunnen konnten direkt aus der Heiligen Schrift begründet werden.
Es waren vor allem protestantische Geistliche, die über die Wunder vor Ort systematisch Buch führten und in Flugschriften darüber berichteten und zugleich den bibeltheologischen Unterbau lieferten. Sie organisierten in der Regel auch vor Ort den Badebetrieb und Trinkausschank und sorgten für die seelsorgerische Begleitung der Massen durch Gottesdienste, Andachten, Segnungen und das Verfassen von Brunnengebeten. Manche der geistlichen Amtsträger erhofften sich durch die Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades als Wunderbrunnen-Pastor auch einen Karrieresprung.
Kurzum, das System lutherischer Wunderbrunnen wurde sowohl von den Geistlichen als auch von der weltlichen Obrigkeit gefördert, obschon die Massenbewegungen die Wunderorte logistisch und hygienisch herausforderten und bisweilen die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdeten.
Für Heilungen wurden Dankgottesdienste veranstaltet, und die Quellen berichten nicht selten in einer evangeliumsgemäßen Sprache: Lahme können wieder gehen und lassen ihre Krücken zurück, Blinde können wieder sehen, Taube wieder hören. Sogar die Mühseligen und Beladenen werden durch das Trinken des Wassers von ihren Dämonen befreit, was auch für Pyrmont dokumentiert ist.
Mit Beginn des 18. Jahrhunderts trat eine Veränderung ein. Die medizinische Forschung schritt voran, Ärzte meldeten Zweifel an und übten Kritik an den hygienischen Standards der Brunnenanlagen. Es schien ihnen bewiesen zu sein, dass die Heilungen, sofern es wirklich Heilungen waren, natürlichen Ursprungs seien.
Auch die protestantische Theologie veränderte sich, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Zeitalters der Aufklärung und der damit verbundenen Neuausrichtung einer protestantischen Hermeneutik der biblischen Theologie und der Dogmatik.
Damit endete nicht nur das protestantische Interesse an Wunderbrunnen, sondern es beginnt auch ein Verschwiegen dieser Epoche, weil Wundergeläufe nicht mehr zum neuen protestantischen Narrativ passten, jene Kirche zu sein, welche von Anfang rational geprägt war und mit der Thesenveröffentlichung Luthers das finstere Mittelalter beendet hatte.
So wurden manche Wunderbrunnen wie in Hornhausen im wahrsten Sinne des Wortes verschüttet. Andere Quellorte, wie Pyrmont oder der Gesundbrunnen von Hofgeismar, avancierten zu rein säkularen Wallfahrtsorten, d.h. zu recht mondänen Kur- und Badeorten.

Wie auch immer: Hat es die Wunder in Pyrmont, Hofgeismar oder Hornhausen nie gegeben? Waren sie das Ergebnis einer psychosomatischen Massenpsychose? Waren sie funktionale Trostorte am Ende des 30-Jährigen-Krieges?
An dieser Stelle wird deutlich, dass die Frage nach dem Wunder einer wichtigen hermeneutischen Nachfrage bedarf. Was ist eigentlich ein Wunder? Ist es wirklich nur die Bezeichnung für einen Sachverhalt, den wir uns bisher nicht mit menschlichen Mitteln, Denkmodellen, also wissenschaftlich verifizierbar, erklären können?
Die Bibel ist voll von Wundern, und der Weserberglander bekennt, an die Wunder der Bibel zu glauben, aber in einer bestimmten Hinsicht. Wunder sind für uns nicht zuerst irgendwelche Phänomene, die wissenschaftlich noch nicht zu erklären sind. Wunder sind für uns besondere Erfahrungen mit Gott.
Letztlich und endlich ist die Bibel ja zunächst einmal eine Sammlung ganz heterogener Texte, die Erfahrungen erzählen oder besprechen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Wer also Wunder im biblischen Sinn erklären will, braucht zunächst erstmal eines: Eine solide hermeneutische Grundlegung dessen, was Erfahrung ist. Dies können wir an dieser Stelle nur bedingt und ganz bruchstückhaft bieten.
Menschen machen Erfahrungen mit Gott. Die Bibel berichtet darüber. Denken wir an die Szene, wo das Volk Israel vor dem Roten Meer steht und alles verloren scheint; vorne das Meer und hinten die Übermacht der Ägypter. Die Grunderfahrung des Volkes ist, dass jetzt alles verloren ist. Doch dann kommt die stärkere Erfahrung, Mose betet und es tut sich irgendwie ein Weg auf. Diese Erfahrung können sich auch ganz andere Menschen aneignen, die das nicht erlebt haben, wenn sie diesen Text (vielleicht erst heute zum ersten Mal) lesen.
Vielleicht kennen auch Sie diese Erfahrung: Alles ist aus, es gibt keine Hoffnung mehr. Doch dann tut sich unvermittelt eine Lösung auf. Ihr Erlebnis wird zu so einer Erfahrung, die vielleicht anschlussfähig an die Erfahrung des Volkes Israel ist, das vor dem Roten Meer steht und nicht mehr weiter weiß, oder die Erfahrung anderer, mit denen sie ins Gespräch, in den Gedankenaustausch kommen. So entsteht ein wunderbarer unsichtbarer Erfahrungsschatz, der zu der Überzeugung führt: Ich bin nie allein, es gibt immer eine Lösung, auch über mein eigenes Leben hinaus. Durch den Austausch von Erfahrungen wächst ein kollektiver Erfahrungsschatz, der mich tragen und heil machen kann, und darin liegt aus unserer Sicht der Kern jedes Wunders.
In Hinblick auf die Wunder von Pyrmont oder der anderen lutherischen Wunderbrunnen könnten wir das so deuten: Mühselige, Beladene und an Leib und Seele Erkrankte machen sich auf den Weg. Schon auf dem Weg treffen sie andere, die ebenso oder vielleicht noch mehr leiden. Die Kranken erleben Solidarität, Empathie und praktische Hilfe und ihre Erfahrungen werden mit biblischen Erfahrungen verknüpft.
Allein durch die körperliche Bewegung entstehen natürliche Heilkräfte, und durch die Erfahrung von menschlicher Zuwendung, Nähe und Gemeinschaft auch mit Gott entstehen weitere Heilkräfte. Viele, wahrscheinlich die meisten, kehrten zurück und sind nicht gesund geworden, aber auf dem Weg hat sich für sie etwas Entscheidendes verändert, der Blick auf das eigene Leben und dessen (Be-) Deutung. Auch darin liegt für uns ein Aspekt jedes Wunders: Die neue Perspektive auf das eigene Leben, das eigene Ich.
Der Kern des Wunders ist dann das im letzten nicht mehr faßbare Wunder der gelungenen Begegnung mit anderen und mit mir selbst, in der ich auch die Gegenwart eines Dritten, des unsichtbaren Weggefährten erkennen könnte.
In dem Moment, wo wir diese Zeilen schreiben, fällt uns die Geschichte der beiden zutiefst deprimierten Männer ein, die nach der Kreuzigung und Grablegung Jesu nur noch von Jerusalem weggehen wollen. Auf dem Weg begegnet ihnen ein Unbekannter, mit dem sie ihre Erfahrungen austauschen.
Die drei essen sogar miteinander zu Abend und dabei machen sie die Erfahrung, dass sie mit Jesus gegessen haben. Es ist derselbe Jesus, der sagt: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.“
Die Menschen, die Jesus geheilt hat, sind irgendwann gestorben. Die Menschen, die in Pyrmont, Hofgeismar oder Hornhausen Heilung erfahren haben, sind irgendwann gestorben. Auf wir werden früher oder später sterben, aber vielleicht wird die Erfahrung der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4, 1-42), der Jesus diese Worte sagt, zu unserer eigenen Erfahrung, dass uns nämlich einmal jemand jenes Wasser reicht, das in uns zu einer Quelle wird, die ins ewige Leben fließt.
UTGH
