16 May
16May


„Was ist der Mensch?“ Diese Frage stellt der Verfasser des 8. Psalms. Für uns ist dies eine der wichtigsten und vielleicht sogar die entscheidendste Frage. Diese Frage haben wir uns heute erneut gestellt beim Besuch des Junkerhauses in der Alten Hansestadt Lemgo.

Die Geschichte dieses Hauses ist schnell erzählt: Karl Junker, sein Erbauer, wird 1850 in Lemgo geboren. Früh verliert er Vater und Mutter und seine Schwester, wächst beim Großvater auf, besucht ein paar Jahre das Gymnasium, lernt Tischler und macht sich dann auf die Wanderschaft. Er verliebt sich in Hamburg; seine Liebe bleibt unerfüllt. Nach Kunststudien in München und einer Italienreise kehrt er 1881 nach Lemgo zurück. Dort beginnt er sein Haus zu planen und zu entwerfen und erbaut es schließlich, lebt und arbeitet daran und darin als Handwerker und Künstler bis er 1912 an einer Lungenentzündung stirbt.

Alles an und in diesem Haus ist extraordinär; das gesamte Haus samt Interieur ist ein Unikat. Es scheint so zu sein, dass Junker etwas ganz Neues und absolut Eigen- und Einzigartiges, ganz und gar Eigensinniges schafft, seinen ganz solitären Stil hervorbringt. Junker hat einen Plan, und den setzt er künstlerisch und handwerklich um, im wesentlichen als Holzschnitzer und Drechsler. 

Wer das Haus betritt, der betritt eine fremde und bisweilen abgrundtief erscheinende Welt eines Eigenbrötlers. Wirkt das Haus im Wonnemonat Mai von außen noch irgendwie quadratisch und harmonisch, so erscheint sein Innenleben auf uns wie eine ungemütliche, im wahrsten Sinne durch Holz „verschnitzte“ Welt. 

Der Besuch dieses Haus kann tiefe Betroffenheit auslösen. Die einen werden sagen, dies sei das Werk eines Genies; die anderen werden sagen, es wäre das Werk eines Wahnsinnigen. Wieder andere werden die Binsenwahrheit rezitieren, Genie und Wahnsinn lägen eben dicht beieinander. Noch andere werden Junker pathologische schizophrene Episoden attestieren, andere schließlich sprechen von „Outsider Art“.

Unser Blick im neu erbauten Museum am Junkerhaus heftet sich an eine von Junker mit Schnitzereien versehene Truhe unter anderem mit einer Christusfigur. Uns erinnert diese Christusfigur an jenen Christus, der gerade vom Kreuz abgenommen wurde. Seine Brust scheint der Künstler mit Rosen bedeckt zu haben. War Jesus ursprünglich nicht auch ein „Outsider“?

Der Versuch Junkers Werk zu klassifizieren sagt vielleicht mehr über die Klassifizierenden als über den Klassifizierten. Wir beschränken uns hier mit einem Foto der Außenansicht des Junkerhauses in Lemgo und überlassen es unseren Leserinnen und Lesern, sich tiefer mit dem Werk Karl Junkers zu beschäftigen und sich vielleicht selbst auf den Weg in dieses unwirtliche Haus in Lemgo zu machen.

Wir halten fest: Jede Kunst - sei es Dichtung oder Bildende Kunst - ist immer der Ausdruck von Wirklichkeitserfahrungen eines Menschen. Damit sind wir wieder beim 8. Psalm und der Frage, was der Mensch sei. Die Person und das Werk Karl Junkers geben uns vielleicht eine Antwort darauf: Der Mensch ist ein undurchdringliches Geheimnis.

Unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir eine gesegnete Vorbereitung auf das undurchdringliche Geheimnis des Pfingstfestes!

UTGH