10 May
10May

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus...“

Diese ersten beiden Verse des Gedichtes von Emanuel Geibel sind den meisten von uns bekannt. Der Frühling hat seine volle Fahrt aufgenommen, auch im Weserbergland, und wir möchten Sie, liebe Leserin und lieber Leser - mit oder ohne Deutschlandticket - mitnehmen auf eine wunderschöne Tagestour mit Bus und Bahn, weil wir keine Lust hatten zu Hause zu bleiben.

Wir beginnen in Pyrmont und steigen in die S5. Wenn wir uns auf dem Weg zum Bahnhof umschauen, finden wir uns gleichermaßen im Tal der sprudelnden Quellen wieder, welches vom bis zu ca. 360 m hohen Pyrmonter Bergland umgeben ist. Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass dieser Kurort einmal einer der bekanntesten Kurorte Europas war. Gekrönte und Ungekrönte haben sich hier aufgehalten. Wer unter den Palmen von Pyrmont spaziert, fühlt sich vielleicht in eine ganz andere Welt versetzt, Pyrmont steht für das Pittoreske einer bestimmten Epoche schlechthin.

Die nächste Station mit der S 5 ist die Feuerräderstadt Lügde, eine wunderbare Fachwerkstadt, in der jeweils am Ostersonntag mit Stroh versehende Räder entzündet und vom Osterberg in das Emmerthal gestoßen werden. Ein unglaubliches Spektakel. 

Lügde bildete einmal mit Pyrmont eine Grafschaft, dessen Lehnsherr der Bischof von Paderborn war. Aufgrund von Erbstreitigkeiten kam es im 16. Jahrhundert zu einer Teilung der Grafschaft, was zur Folge hatte, dass heute zwischen Pyrmont und Lügde die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verläuft; kirchlich gesehen aber ist die Grafschaft eine Einheit geblieben und gehört bis zum heutigen Tag zum Erzbistum Paderborn. Bis vor kurzem legten die Erzbischöfe von Paderborn größten Wert darauf, das Pyrmonter Ankerkreuz in ihrem Wappen zu führen, um die Historie wachzuhalten. Der letzte Erzbischof, der aus Mainz kommt, hat diese Tradition nicht fortgeführt.

Wenn wir den Ortsausgang verlassen und die Eisenbahnbrücke über die Emmer passieren, erkennen wir links von uns die wunderschöne spätromanische Kirche des Heiligen Kilian. An diesem Ort wird zuvor bereits eine Holzkirche gestanden haben, in der Kaiser der Karl der Große im Jahr 784 Weihnachten gefeiert hat; dies ist zugleich die erste urkundliche Erwähnung Lügdes. 

Es lohnt sich, diese schlichte Kirche aufzusuchen. Sie ist in den Sommermonaten in der Regel tagsüber geöffnet. Diese Kirche befindet sich am Ortsrand, was darauf hindeuten könnte, dass sie bewusst auf einem frühgeschichtlichen heidnischen Kultplatz vor der Siedlung errichtet wurde. Das gehörte zur Methodik der christlichen Missionare, die mit dem „Motiv des stärkeren Gottes“ arbeiteten (vgl. Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter Stuttgart u.a. 1990, 171f.), welches auch beim legendären Fällen der Donar-Eiche im Jahr 726 durch den Heiligen Bonifatius eine Rolle spielte. Als Bonifatius die heilige Eiche fällen ließ, bleib der Zorn der heidnischen Götter aus, und damit hatte sich der Gott der Christen als der Stärkere erwiesen.

Unsere S-Bahn fährt weiter, und folgt im Wesentlichen der Emmer flußaufwärts. Dieser Fluß, der bei Emmerthal in die Weser mündet, entspringt bei Langeland im Eggegebirge, am Osthang des Rehberges, gar nicht weit von unserer Bahnstrecke entfernt.

Zur Linken erkennen wir nun einen langgestreckten See, das ist der Emmerstausee, der zwischen 1981 und 1983 gebaut wurde. Er war als Hochwasserschutz-Rückhaltebecken gedacht und dient als Naherholungsgebiet. Wir befinden uns jetzt in dem Teil des westlichen Weserberglandes, der als Lipper Bergland bezeichnet wird. Kurz vor Schieder, dem nächsten Halt des Zuges, erleben wir links von uns die Ausläufer des Schwalenberger Waldes und links die des Winterberges; beide bewaldeten Höhenzüge sind über 400 m hoch. Danach verlassen wir den lippischen Landesteil und nähern uns Steinheim in Westfalen, welches in einer breiten Beckenlandschaft liegt, und deshalb auch als Steinheimer Becken bezeichnet wird. 

Dieses fruchtbare Becken bildet den Übergang vom Lipper Bergland zum Oberwälder Land. Das ist jenes Gebiet, das westlich der Weser liegt, gleichermaßen oberhalb der Wälder am Westufer der Weser zwischen Beverungen und Höxter, und das sich dann westlich bis zu den Ausläufern des Eggegebirges erstreckt. Wenn wir Steinheim verlassen haben, können wir links Ausschau halten und entdecken einen Berg, der aufgrund eines 100 m hohen Fernmeldeturms sehr gut zu erkennen ist. Es ist der Köterberg, der mit 496 m der zweithöchste Berg des Weserberglandes ist. 

Bei klarer Sicht werden wir ihn heute noch oft wiedersehen. Der Köterberg gilt zugleich als die höchste Erhebung des Lipper Berglandes. Wir könnten auch sagen, dass das Lipper Bergland, auch Lippischer Keuper genannt, von West nach Ost in das Weserbergland hineinwächst. Auch darüber haben wir hier schon berichtet. Eigentlich beschreibt der Köterberg ein historisches Dreiländereck zwischen dem Fürstentum Lippe, dem Bistum Paderborn und dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel. Bei guter Sicht kann man vom Köterberg aus sogar den Brocken im Harz sehen. Sicherlich ist der Köterberg der markanteste Ausgangspunkt des Weserberglandes.

Inzwischen bewegt sich die S-Bahn elegant auf das Eggegebirge zu, und plötzlich sind wir im Rehbergtunnel verschwunden. Er ist 1632 m lang und führt uns direkt zum Eisenbahnknotenpunkt Altenbeken, der 1864 eröffnet wurde. Eisenbahn-Romantikerinnen und -Romantiker geraten ins Schwärmen, wenn sie von den hohen Zeiten dieses Bahnhofs berichten. Viele D-Züge passierten Altenbeken, zum Beispiel auch der D 797. Er fuhr in Bremerhaven-Lehe um 10:41 Uhr ab und erreichte Stuttgart um 20:08 Uhr, also ohne Umsteigen von Bremerhaven über Altenbeken bis nach Stuttgart und das meistens auf die Minute pünktlich. 

Manche erinnern sich noch an die gepflegte Bahnhofsgastronomie im Bahnhof Altenbeken, in welcher der Oberkellner eine Institution war. Er hatte den Fahrplan verinnerlicht und servierte allen pünktlich das richtige Getränk. Die Bahnhofsgaststätte steht inzwischen leer und verfallen da, aber es gibt immerhin noch einen Kiosk, in dem man sogar Fahrkarten erwerben kann. 

Die S 5 fährt von hier aus weiter nach Paderborn, wo der Zug endet. Es lohnt sich dorthin zu fahren; allein der Blick aus dem Zugfenster vom Eggegebirge hinunter in die Westfälischen Bucht ist überwältigend. Heute fahren wir aber nicht nach Paderborn, sondern wir steigen in Altenbeken aus und warten, bis uns der Regional-Express 11 mit dem erhabenen Namen „National-Express“ (von Düsseldorf nach Kassel-Wilhelmshöhe mit Halt in Willebadessen und Warburg) bis nach Hofgeismar bringt. 

Hinter Willebadessen lassen wir das Eggegebirge hinter uns und schauen auf die fruchtbare Warburger Börde. Auch ein Stop in Warburg würde sich lohnen. Diese Stadt besteht aus einer Oberstadt, aus der man in die Unterstadt in das Diemeltal hinabsteigen kann. Wir bleiben aber immer noch sitzen und schnell gleitet der Zug dahin durch das Diemeltal. 

Dieses Tal markiert für mich den Übergang zwischen Weserbergland, Sauerland und Hessischem Bergland, eine typisch transitorische Gegend, die uns wieder deutlich macht, dass alle Übergänge der Landschaft in der Regel fließend-dynamisch und nicht wirklich statisch sind. 

Kurz nach der Abfahrt aus Warburg erkennen wir sehr gut auf der rechten Seite den Desenberg, das ist ein ehemaliger Vulkan. Von dort oben, wo sich eine Burgruine befindet, hat man wiederum einen großartigen Rundblick. Mit dem Fernglas kann man wieder den Köterberg erkennen.

Schließlich erreichen wir das nordhessische Hofgeismar, das sich auch als „Dornröschen-Stadt“ tituliert, obschon das Dornröschenschloß noch ein paar Kilometer weiter oben mitten im märchenumwobenen, wunderschönen Reinhardswald liegt, es ist die Sababurg. Hofgeismar liegt an dem Flüsschen Esse. Für mich beschreibt dieses Flusstal den Übergang vom Weserbergland in das Hessische Bergland. In Hofgeismar steigen wir aus. Wenn wir Zeit und Lust haben, können wir durch die schöne Fachwerkstadt bummeln. Ansonsten bewegen wir uns mit dem Fahrstuhl vom Bahnhof hinauf auf die Bahnhofsbrücke und warten auf den Bus nach Bad Karlshafen.

Der Bus fährt durch das Essetal wieder in das restliche Diemeltal. Die Diemel mündet schließlich in Bad Karlshafen in die Weser. Heute bleiben wir nicht in dieser hugenottischen Barockstadt, über die wir hier bereits ausführlich berichten konnten. Wir fahren mit dem Bus bis zum Bahnhof, um nun die Regionalbahn zu besteigen, die uns nach Ottbergen bei Höxter bringen soll. 

Jetzt sind wir an der Weser und können immer wieder den Fluß bestaunen und zugleich dieses liebliche Weserbergland, eine Trostlandschaft mitten im Mai. Doch da ist bereits im Frühling ein kleiner Hauch von Melancholie, denn die Obstbäume sind fast schon verblüht, und der gelbe Raps scheint gerade seinen Blüte-Zenit zu übersteigen, doch sein tiefes Leuchten ist immer noch erhebend. 

Die Fahrt durch diese Landschaft zeigt: Nichts bleibt und kann festgehalten werden, wir sind am Fluss und selbst im steten Fluss, so wie die Wolken, die sich zu herrlichen Gebilden am Himmel aufgetürmt haben, als wollten sie uns bereits jetzt schon auf das Hochfest der Himmelfahrt vorbereiten.

Wir durchfahren Lauenförde, das gegenüber Beverungen liegt, und dann plötzlich überqueren wir den Fluss und erhalten eine neue Perspektive. Jetzt können wir besser als bisher den Solling wahrnehmen, den größten der Wälder des Weserberglandes. 

Der Solling erscheint lang und niedrig, aber das ist sein Trick, denn er will gar nicht zeigen, dass in ihm die höchste Erhebung des Weserberglandes liegt, die 528 m hohe Große Blöße. Sie liegt aber gar nicht bloß da, sondern ist unter dem herrlichen lindgrünen Buchen verborgen.

In Ottbergen müssen wir umsteigen und steigen in einen Zug, der von Altenbeken über Bad Driburg und Brakel kommt und hier geteilt wird. Der eine Teil fährt wieder zurück über Karlshafen bis nach Göttingen, der andere Teil geht weiter bis nach Holzminden.

Zunächst aber fahren wir mitten durch Höxter, dann geht es weiter, vorbei an der ehemaligen Reichsabtei Corvey, über die wir hier auch schon berichtet haben, und wir überqueren wieder die Weser, halten in Lüchtringen, um schließlich das niedersächsische Holzminden, zu erreichen. Zuvor haben wir wiederum eine Blick auf den Köterberg werfen können; heute ist die Sicht fantastisch.

Für einen Stadtrundgang in Holzminden bleibt heute keine Zeit, denn der Bus vom Vorplatz des Bahnhofs kommt gleich. Wiederum überqueren wir die Weser, und stellen fest, dass wir vom Bus aus die Landschaft viel besser beobachten können. Es ergeben sich ganz andere Blickperspektiven auf die Weser, als wenn wir mit dem PKW fahren würden. Der Bus fährt uns über Stahle, Heinsen und Polle, die Aschenputtel-Stadt. Von dort stechen wir hinauf in die Ottensteiner Hochebene nach Meiborssen und Vahlbruch, bis wir von dort aus wieder abwärts ins Tal fahren, um schließlich ein winziges Dörflein namens Glesse am Glessebach an der Ottensteiner Hochebene erreichen.

Es ist klar, der Bus fährt im Zickzack, um möglichst alle Dörfer anzufahren. Es sind Umwege, die ich von Herzen genieße so wie den hier noch frischer blühenden Raps, denn wir liegen wieder über 300 m hoch, und der Frühling ist hier etwas langsamer.

Immer wieder bietet sich uns der Blick auf den Köterberg. In Glesse steigen wir aus und warten auf den Bus nach Pyrmont, während jener Bus weiter über Ottenstein nach Bodenwerder, die Münchhausen-Stadt, fährt. 

Im Bus sitzen nicht viele Menschen; wir sind zunächst zu viert, dann bin ich allein. Ich befürchte, dass aufgrund mangelhafter Fahrgäste diese tolle Buslinie irgendwann eingestellt wird und freue mich um so mehr, jetzt diese Reise unternehmen zu können. 

Etwas verspätet kommt der Bus in Richtung Pyrmont. Es gibt mehrere Fahrgäste und wir begrüßen uns. Die Fahrt geht weiter wieder im Zickzack über Neersen, Baarsen, Eichenborn und Kleinenberg. Links wieder der Köterberg und rechts erkennen wir Hameln, die Rattenfängerstadt und dann auch die Höhenzüge Süntel und Ith. Der Ith ist aufgrund eines stillgelegten Sandsteinbruchs besonders gut zu identifizieren.

Gleich erreichen wir den Marktplatz von Pyrmont. Eine wunderschöne Rundreise geht zu Ende. Wir sind froh und dankbar für diese ganz gewöhnliche und zugleich doch ganz außerordentliche Form des Reisens. Bei aller Kritik an öffentlichen Verkehrsmitteln möchten wir allen danken, die dazu beigetragen haben, dass wir mit ein- und demselben Deutschland-Ticket und mit der digitalen Hilfe der DB-App diese Reise machen konnten.

Aber diese Reise funktioniert nur, weil es Menschen gibt, die als Busfahrerinnen und Busfahrer oder Bedienstete der Bahnen für uns da sind. Dies betonen wir nicht zu Werbezwecken, sondern aus echter Dankbarkeit. 

Obwohl der Weserberglander meint, sich auszukennen, hat er heute etwas ganz neues entdeckt, oder Bekanntes ganz neu entdeckt, weil sich die Perspektive verändert hat. Wir sind erstaunt und beglückt, über dieses kleine Abenteuer einer neuen Form der Rundreise.

Manchmal denken wir, dass Gott, als er die Welt erschuf, kurz vor dem Ende des 6. Schöpfungstages noch einmal voller Liebe auf die Erde schaute und ganz zärtlich mit seiner Hand über unsere Gegend strich.

Der Weserberglander wünscht Ihnen allen einen gesegneten Mai und grüßt am Abend des Muttertags ganz besonders alle Mütter und alle Menschen, die für andere sorgen!

UTGH