Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, auch Österliche Bußzeit genannt. Dies ist nicht nur für Katholikinnen und Katholiken, sondern auch für Protestantinnen und Protestanten eine besonders geprägte Zeit.
Übrigens hat die evangelische Kirche jenen liturgischen Kalender mit vielen lateinischen Bezeichnungen beibehalten, der auch im Wesentlichen für die katholische Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) galt. So haben grundsätzlich in den protestantischen Kirchen alle Sonntage in der Fastenzeit bestimmte Namen, wie früher auch in er katholischen Kirche: Invocabit, Reminiscere, Oculi, Laetare, Judica, Palmarum.
Die Fastenzeit wird auch als 40-tägige Bußzeit bezeichnet. Die Zahl 40 nimmt dabei Bezug auf die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste wanderte, bevor es das gelobte Land erreichte, und ebenso auf die 40 Tage, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbrachte und dort vom Teufel in Versuchung geführt wurde.
Die Fastenzeit dauert im Sinne des katholischen Kirchenrechts von Aschermittwoch 00:00 Uhr bis zum Samstag vor Ostern (Karsamstag) 24:00 Uhr. Zählen wir die Kalendertage, dann kommen wir auf 46 Tage. Dies wird damit begründet, dass die in der Fastenzeit anfallenden Sonntage keine Fasttage sind, weil ja an jedem Sonntag das österliche Geheimnis gefeiert wird.
Diesbezüglich gab es Streitigkeiten, die dazu führten, dass es ab dem 11. Jahrhundert verschiedene Termine für den Beginn der Fastenzeit gab. Deshalb verschiebt sich auch bis zum heutigen Tag die weltberühmte Fastnacht in Basel auf den Montag nach Aschermittwoch, denn dort wurde diese Änderung nicht mitvollzogen.
Dies wird bisweilen fälschlich damit erklärt, dieser Termin sei zur Provokation der Katholiken erfunden worden. Das stimmt allerdings nicht, denn wir wissen, dass früher calvinistische Prediger gegen jedwede Form karnevalistischer Lustbarkeiten und Ausschweifungen anpredigten, in Basel offensichtlich ohne Erfolg.

Ein ähnliches Phänomen begegnet uns bis heute am südlichen Rand des Weserberglandes, im nordhessischen Dorf Kelze bei Hofgeismar. Dieser Ort wurde 1699 wie auch Karlshafen von hugenottischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich besiedelt.

Seit über 300 Jahren findet dort am Aschermittwoch der „Aschermittwochskarneval“ statt. Höhepunkt ist ein Umzug mit einem Tanzbären (verkleideter Mensch), dem Eierweib und dem Wurstgabelmann. Die Leute sammeln bei diesem Umzug Schinken und Würste für einen anschließenden Festschmaus.
Im Gegensatz zu Basel handelt es sich hierbei allerdings um eine gewollte Provokation. Die Leute von Kelze machen an diesem Tag genau das, was Katholikinnen und Katholiken am Aschermittwoch eben nicht tun sollen.
Dieser Akt der Provokation, der sachlich betrachtet eigentlich dem eigenen religiösen Empfinden widersprach, erklärt sich vielleicht als emotionale Revanche der Bewohnerinnen und Bewohner Kelzes für das während der Verfolgung erfahrende Unrecht, dass ihnen in ihrer französischen Heimat seitens von Katholiken zugefügt wurde. Vielleicht war ihr „Reframing“ des Aschermittwochs die Verarbeitung eines kollektiven Traumas.
Wir glauben allerdings, dass es heute weder den Baselerinnen und Baselern um das sture Festhalten an einem mittelalterlichen Termin, noch den Kelzerinnen und Kelzern um Revanche geht.
Die Fastnacht in Basel, der Aschermittwochsumzug in Kelze oder darüber hinaus viele in den letzten Jahren erst neu entstandene Karnevalsriten (außerhalb katholischer Hochburgen) machen deutlich, dass jedwede Form karnevalistischer Aktivitäten jenseits des Religiösen eine wichtige soziale und individuelle Ventilfunktion hat.
Für viele Menschen ist es einfach befreiend mit dem Bären zu tanzen, die Sau herauszulassen oder mit Hilfe einer Maske einmal ganz anders zu sein.
So wichtig dieses soziale „Faschings-Ventil“ auch sein mag, aus unserer Sicht verpufft seine Wirkung, wenn danach nicht eine neue, gemeinsam erfahrbare Zeit der Einkehr und Umkehr anbricht; eine Zeit, die im Vertrauen auf das kommende Ostern durchlebt und vielleicht auch durchlitten werden muss.
UTGH
