18 Jul
18Jul

Das Phänomen der lutherischen Wunderbrunnen das Hartmut Kühne in seinem Buch, Die lutherischen Wunderbrunnen. Studien zur Alltags-und Kulturgeschichte des Protestantismus im Alten Reich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Leipzig 2026) hervorragend erforscht hat, nahm seinen Ausgang mitten im Weserbergland nämlich in Pyrmont mit dem Wundergeläuf 1556, wie der Weserberglander hier zuvor berichten konnte.

83 Jahre später, im Jahr 1639 – wir befinden uns schon in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges – wird ein neuer Wunderbrunnen am südlichen Rand des Weserberglandes im nordhessischen Hofgeismar entdeckt. 

Interessanterweise wird diese Heilquelle von einem Soldaten der kaiserlichen Truppen gefunden: „Ein Soldat, der von einer Kugel gefährlich verletzt gewesen, sei zufällig des Brunnens da selbst ansichtig worden; er habe sich damit gewaschen und zugleich auch des Wassers innerlich genossen, woraufhin er gesund wurde und solches nicht allein seinen Rottgesellen/ welche dazumal auch lagerhafftig gewesen/ angezeigt sondern die Neuigkeit auch auf dem Lande hin und wieder auszubreiten und bekannd zu machen/ sich höchlich bemühet.“ (Kühne 225)

Interessant ist, dass nun ein Pilgerstrom einsetzt, nicht nur aus protestantischen Gebieten, wie der Landgrafschaft Hessen-Kassel, sondern auch aus katholischen Gebieten des benachbarten Hochstiftes Paderborn und aus dem Osnabrücker Raum. Wahrscheinlich entstand jetzt für den Landgrafen ein gewisser Handlungsdruck, diesen Ort in den schwierigen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges zügig in das protestantische Gefüge der Landgrafschaft einzubeziehen. Das Narrativ dieser Wunder musste protestantisch sein, damit nicht katholische Substrukturen - nicht selten durch jesuitische Feldprediger im kaiserlichen Heer vorangetrieben - im Grenzbereich zum Fürstbistum Paderborn entstehen konnten, die dann unter Umständen zu empfindlichen Gebietsveränderungen geführt hätten.

Zudem hatte der Wunderbrunnen in Hofgeismar auch eine wichtige kirchenpolitische Funktion in der Landgrafschaft selbst. Landgraf Moritz hatte eine Vorliebe für den Calvinismus, die ab 1605 zu einem fragilen Nebeneinander einer calvinistischen Führungselite und der lutherischen Mehrheit der Bevölkerung führte. In diesem Szenario hatte die Förderung eines lutherischen Wunderbrunnens eine durchaus strategische Funktion. Man brauchte und förderte im Grenzgebiet zum katholischen Hochstift Paderborn einen Wunderort, welcher der lutherischen Spiritualität der Mehrheit der Bevölkerung entgegenkam. Auch wenn die Bedingungen des Krieges die Organisation des Brunnenbetriebes sowohl die Kommune von Hofgeismar als auch die landesherrliche Verwaltung überforderten, wurde aus strategischen Gründen an diesem Brunnenort festgehalten.

Kühne hat auch nachgewiesen, dass sich im 18. Jahrhundert dass Interesse an den Wunderbrunnen im Protestantismus erledigte, weil diese Spiritualität nicht mehr dem neuen theologischen Selbstverständnis entsprach. (Vgl. Kühne, 593 ff.) Vor diesem Hintergrund fand sozusagen eine Säkularisierung des Wunderbrunnens statt. So gründete 1700 der hessische Landgraf das Staatsbad Gesundbrunnen, welches zu einem mondänen „Pyrmont Nordhessens“ werden sollte. 

Nach und nach entstand ein repräsentatives barockes und später klassizistisches Ensemble von Gebäuden und ein Brunnentempel. Später baute sich Landgraf Wilhelm IX. - der spätere Kurfürst Wilhelm I. - das Schlösschen Schönburg, ganz in der Nähe der Brunnenanlage.

Im Gegensatz zu Bad Pyrmont entwickelte sich hier jedoch kein lukrativer Kurbetrieb. Hinzukam, dass die Souveränität der Landgrafschaft Hessen Kassel schließlich nach der preußischen Annexion 1866 kassiert wurde. 1891 entstand auf dem Gebiet des Gesundbrunnens das hessische Predigerseminar und eine landwirtschaftliche Schule, später wurde auch eine eigene evangelische Pfarrei Gesundbrunnen gegründet. 

Heute befinden sich dort bei dem Prediger-Seminar auch eine Akademie der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und große diakonische Einrichtungen für alte und kranke Menschen.

Wir können eine Entwicklungslinie erkennen: Am Anfang steht ein Heilungswunder durch die äußere und innere Anwendung von Quellwasser. Dieses Wunder wird aus durchaus politischen Gründen im protestantischen Kontext des Dreißigjährigen Krieges gedeutet und gepflegt. Im Zuge einer Erklärung des Wunders durch natürliche Ursachen wird aus dem Wunderbrunnen ein Gesundbrunnen und damit zu einem staatlichen Heilbad. Nachdem sich dieser Betrieb nicht mehr rentiert, wird dieses Gebiet wiederum kirchlich genutzt und zwar bis zum heutigen Tag.

Bezeichnend ist, dass der Gesundbrunnen heute nicht mehr sprudelt. Recherchen haben ergeben, dass Wasser genug vorhanden ist. Im Gegenteil, es ist zu viel da und drückt geradezu wie ein artesischer Tiefbrunnen nach oben. Das aber führt dazu, dass das einstmals wundertätige immer noch natürlich sprudelnde Wasser den denkmalgeschützten Brunnen auf Dauer unterspülen und zerstören würde. Der künstliche Brunnentempel und das Gebäude-Ensemble müssen vor dem natürlichen, einst wundertätigen Wasser beschützt werden, also sprudelt die Quelle nicht mehr und wird umgeleitet. Nur bei Starkregen-Ereignissen hilft auch die Drainage nicht, dann läuft der Brunnen über und verschlammt.

Auch als Laien erkennen wir, dass der Brunnen am tiefsten Punkt der „Anlage Gesundbrunnen“ liegt, an dem alles Wasser zusammenfließt und letztlich und endlich auch das gesamte Gebäude-Ensemble in seinen Fundamenten gefährdet. So begegnet uns die Tragik eines moralischen Dilemmas an diesem wunderschönen Ort, der eigentlich ein natürliches Sumpf- und Feuchtgebiet ist und renaturiert werden müsste.

Ein zentrales theologisches Axiom des Heiligen Thomas von Aquin lautet: „Gratia non tollit naturam...“ (ST I, q.1.a.8 ad 2), zu Deutsch: „Die Gnade hebt die Natur nicht auf...“ Das sollte – jenseits aller christlichen und religiösen Konfessionen – durchaus ein zentraler Maßstab sein, nicht nur zur Bewertung von Wundern, sondern im Ungang des Menschen mit seiner Natur. Wenn bereits schon die Gnade (Gottes) die Natur nicht aufhebt, um wie viel weniger dann könnten wir Menschen unsere Natur aufheben, weder spirituell noch kulturell. Wir müssen die Natur, egal ob wir sie als Schöpfung Gottes begreifen oder nicht, um unserer selbst willen absolut ernst nehmen.

In Zukunft wird auch in Deutschland sowohl das Zuviel als auch das Zuwenig an Wasser immer mehr zum Thema werden (müssen). Die Frage, ob und inwiefern wir dem Wasser am Gesundbrunnen von Hofgeismar und anderswo seinen natürlichen Lauf lassen können oder müssen, wird zu einer spannenden gesellschaftlichen Herausforderung in Bezug auf unseren Lebensstil werden, wie nicht zuletzt die jüngsten Starkregenereignisse im Weserbergland im Weserbergland zeigen.

UTGH