24 May
24May

Gesucht wird ein norddeutscher Höhenzug mit drei Buchstaben.
Diejenigen von Ihnen, die Kreuzworträtsel lösen, wissen sofort, worum es geht.

Es geht um den lth. Der Ith ist bis zu 439 m hoch und hat eine Ausdehnung von fast 22 km. Wenn man ihn auf der Landkarte betrachtet sieht er in seiner Ausdehnung von Nord nach Süd aus wie ein Spazierstock. Der Ith ist der längste Klippenzug Norddeutschlands, seine Klippen bestehen aus Kalksandstein und sind zwischen 150 und 130 Millionen Jahre alt.

Die Klippen im Ith sind verborgen, selbst im Winter, wenn kein Laub auf den Bäumen ist, sind sie von außerhalb des Waldes kaum zu erkennen, und wenn, dann nur ganz vereinzelt. Wir müssen uns in den Wald hinein begeben, um diesen Klippen zu begegnen, um sie erfahren. Mit bloßem Auge werden wir sie nie in ihrer ganzen Komplexität erkennen, sondern immer nur Teile davon. Wir können auch sagen, der ganze Ith offenbart sich uns immer nur im Fragment und lässt sich nur bruchstückhaft erfahren.

Könnte das nicht auch ein Bild für unser Leben sein? Wir können unser Leben in der Gänze nicht erkennen und erfassen. Wenn wir etwas erfassen, dann eigentlich nur immer das, was wir gerade vor uns sehen und das, was hinter uns haben, gleichermaßen retrospektiv. Dennoch bleiben die Erkenntnisse über uns selbst und über die Umstände unseres Lebens und deren Zusammenhänge immer bruchstückhaft und abhängig von der Situation, in der wir uns gerade befinden, so wie wir einen Wald wie den Ith in jeder Jahreszeit ganz neu und anders erschauen und deuten; im Frühling eben anders als im Sommer, Herbst oder Winter.

Der Ith ist grazil und faszinierend, aber nicht wirklich gemütlich. Das gilt eigentlich für den Wald schlechthin. Nicht zuletzt in den Grimmschen Märchen, die in besonderer Weise mit dem Weserbergland verbunden sind, ist der Wald kein gemütlicher Ort, sondern der Ort der Einsamkeit, der Gefahr oder der Verzweiflung, nicht selten ein Ort der Entscheidung. 

Wir gehen nicht in den Wald, um darin zu blieben, nur wenige Einsiedler vielleicht leben und sterben im Wald. Wir gehen in der Regel in den Wald, um dort zu jagen, zu sammeln oder um uns dort zu erholen. Im Märchen gehen manche Heldinnen und Helden in den Wald, um das Fürchten zu lernen, aber sowohl Märchenheldinnen und -Helden als auch wir gehen normalerweise in den Wald, um aus ihm wieder nach Hause zurückzukehren.

Am besten gefällt uns der Wald, dem Weserberglander geht das jedenfalls so, wenn wir ihn von einer lichten Höhe und aus sicherer Entfernung betrachten, am besten von milder Morgen- oder Abendsonne beleuchtet und von Wolken lieblich umrahmt. So wird er für uns gleichermaßen zum tröstlichen und lieblichen Panorama und im Frühling im frischen Grün zu einem Symbol der Hoffnung. Im Wald aber sieht der Wald ganz anders aus.

Im Ith sind plötzlich die Klippen einfach da, aber im wahrsten Sinne des Wortes ganz unübersichtlich. Sie lassen sich nicht erfassen oder überschauen wie eine in den Alpen sich vor uns frontal auftuende Gebirgskette.

Es gibt keine urkundlich verifizierbaren Zeugen, die sagen könnten: „Ich war dabei, als der Ith erschaffen wurde!“ Genauso wenig wie jemand von uns zugegen war, als Gott im Paradies Adam und Eva erschuf. Adam und Eva heißen übrigens zwei markante Klippen im Ith, die beieinander stehen und im selben Sockel miteinander verbunden sind. 

Immerhin haben wir einen biblischen Text über die Erschaffung der Welt, an dem wir uns immer wieder abarbeiten können. Über den Urknall besitzen wir indes keine Urkunde, die wir mit den Mitteln einer historisch-kritischen Exegese auseinandernehmen könnten. 

Waren vielleicht Adam und Eva dabei, als der Ith erschaffen wurde? Vielleicht hat Gott den beiden erlaubt, bei der Gestaltung dieses Höhenzuges mitzuwirken. Die beiden haben dabei möglicherweise versucht, ihr eigenes Geschaffensein bildlich darzustellen, so wie wir Menschen versuchen, uns ein Bild von allem zu machen. Dazu helfen uns sowohl die Naturwissenschaften als auch jene geheimnisvollen Gedanken und Erfahrungen von Gott, die sich uns offenbart haben, und die auch in den biblischen Narrativen fortleben.

Über den Ith können wir viel sagen, aber sein innerstes Geheimnis verbleibt. Letztlich ist der Ith so geheimnisvoll wie das Junkerhaus in Lemgo, über das wir kürzlich berichteten, und die Frage, was der Mensch sei.

Am Vorabend des Pfingstfestes begegnet uns in der Liturgie ein Text des Apostels Paulus aus dem Römerbrief. Darin heißt es: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 8, 22) 

Wir finden diesen Satz absolut wichtig und tröstlich. Trotz all' dem, was wir über den Menschen und die gesamte Schöpfung wissen, wir alle befinden uns nach wie vor im einen Prozess des Werdens. Wir und die Schöpfung sind noch nicht am Ende, sondern auf dem Weg zur Vollendung.

Manche sagen, dass man an bestimmten Tagen im Ith die Seufzer der Klippen vernehmen könne, gleichermaßen wie das Seufzen der Schöpfung, aber das haben wir selbst noch nicht erfahren. Was wir aber auf unserer pfingstlichen Tour erfahren haben, ist ein köstlicher und würziger Duft, der uns stundenlang begleitet hat, der duftende Bärlauch. 

Dieser Duft war inspirierend. Wir konnten ihn nicht sehen, aber gleichermaßen einatmen. Die Heilige Hildegard von Bingen empfahl den Bärlauch als blutreinigendes Mittel, das den Magen beruhigt und die Verdauung fördert.

Darüberhinaus wurde auf dieser Wanderung für uns dieser Bärlauch-Duft zu einem Sinnbild für das heutige Pfingstfest: Der Geist ist nicht zu sehen, aber er erfüllt das ganze All, so wie es in einem Kirchenlied heißt. Der Heilige Geist liegt in der Luft, nicht sichtbar, aber erfahrbar wie der Duft des Bärlauch. 

Die Menschen nannten den Bärlauch auch deshalb Bärlauch, weil Bärlauch Bärenkräfte verleiht. Wir glauben übrigens, dass der Heilige Geist Bärenkräfte verleiht und wünschen Ihnen allen die immer wiederkehrende Kraft des Heiligen Geistes!

UTGH

PS: Für uns hat auf diesem Weg der Ith übrigens einen erweiterten Namen bekommen: BAERLAUCHITH. Achten Sie darauf, wenn im nächsten Kreuzworträtsel nach einem norddeutschen Höhenzug mit zwölf Buchstaben gefragt wird!